Reporter Eutin

„Haben Sie jemals an Rache gedacht?“

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Ahrensbök (wh). Nach einer besonderen Schulstunde waren sie minutenlang stumm, wohl fassungslos über das gerade Gehörte: Schüler der neunten und zehnten Klasse der Arnesboken-Schule. Was Jurek Szarf (85), einer der letzten Zeitzeugen des Holocaust, ihnen erzählt hatte, machte sie vorübergehend zu einer „Silent Class“, obwohl der freundliche, keineswegs einschüchternde alte Herr sie zum Fragen ermunterte. Seine schrecklichen Erlebnisse als Kind im Ghetto Lodz und in Konzentrationslagern hatte Szarf nüchtern und sachlich erzählt und zwischendurch auch seinen Humor aufblitzen lassen. Als endlich der erste Schüler sich mit einer Frage vorwagte, war das Eis gebrochen und sie erfuhren unter anderem, dass Jurek Szarf heute noch nachts Alpträume hat, von der SS abgeholt zu werden, dass er sich jedesmal umdrehen muss, wenn er klackende Schrittgeräusche hinter sich hört, die ihn an Soldatenstiefel erinnern. Er sei lange nicht in der Lage gewesen, seine Erlebnisse zu erzählen.

 
Schließlich fragte ein Schüler: „Haben Sie jemals an Rache gedacht für das, was man Ihnen angetan hat?“ Mit einem entschiedenen „Nein“ antwortete Jurek Szarf und erzählte, wie sich sein Vater bei der Befreiung aus dem KZ Sachsenhausen durch russische Soldaten verhalten hatte. Als man schon Geschützdonner der heranrückenden Roten Armee hörte, waren er als Zwölfjähriger, sein Vater und sein Onkel aus der Krankenstation gezerrt und - bereits mehr tot als lebendig – zum Erschießen an die Wand gestellt worden. Nach der Exekution wollten sich Wachpersonal und die SS-Leute sicherlich aus dem Staub machen. Die Befreier hatten aber im buchstäblich letzten Moment das Lager gestürmt. Jurek Szarfs Onkel bekam von einem der Rotarmisten ein Gewehr in die Hand gedrückt und das „Angebot“, seine Peiniger eigenhändig zu erschießen. Der Onkel sagte nein.
Vor der Befreiung aus dem Lager Sachsenhausen lag für Jurek Szarf ein langer Leidensweg. 1939, als er sechs Jahre alt war, endete die Geborgenheit seiner sorglosen Kindheit jäh. Die Tür zur elterlichen Wohnung in einem gutbürgerlichen Wohnhaus in Lodz (von den Nazis Litzmannstadt genannt) wurde von SS-Stiefeln eingetreten, der kleine Jurek von einem der Soldaten an die Wand geworfen. Die Verletzungen heilten, doch die Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Onkeln und einer Tante, musste wenig später das ausgeraubte Haus verlassen und wie alle Einwohner jüdischen Glaubens in eine enge Unterkunft im mittlerweile eingezäunten Ghetto ziehen. Befehlshaber über das Ghetto war ein gewisser Hans Biebow, der die Bewohner - auch alte Menschen und Kinder - bei schlechter Ernährung Zwangsarbeit verrichten ließ (Uniformen nähen und Ausrüstungsmaterial für die Wehrmacht produzieren). Szarf berichtete, dass Biebow mit einem Cabrio durch die Straßen fuhr und aus dem Auto heraus Menschen erschoss. Szarfs Tante war, da sie gut deutsch sprach und schrieb, von Biebow als seine Sekretärin bestimmt worden. Das war ein Glück für Jurek und Familie, denn er durfte bei ihr bleiben, als alle anderen Kinder aus dem Ghetto (wie auch Alte und Kranke, die nicht arbeiten konnten) in Todeslager deportiert wurden.
 

Als das Ghetto schließlich aufgelöst wurde, musste aber auch seine Familie ins KZ, zunächst nach Ravensbrück. Während viele Menschen in der Enge der überfüllten Waggons erstickten, fand Jurek eine Ritze in der Wagenwand, durch die er Luft bekam. „Ravensbrück war die Hölle!“ erinnert sich Jurek Szarf. „Da gab es nur ein wenig Brot und Wassersuppe, und die Läuse haben meine Beine so angefressen, dass sie nach Kriegsende beinahe amputiert worden wären“, berichtete er. Später ging es ins KZ Königs Wusterhausen, zuletzt nach Sachsenhausen. Überlebt haben aus seiner Familie nur er, sein Vater und ein Onkel. Seine Mutter war verhungert, seine typhuskranke Tante war auf dem Transport nach Auschwitz aus einem fahrenden Zug geworfen worden. Von 1951 an lebte Jurek Szarf in den USA und arbeitete dort unter anderem in der Filmbranche. 1972 kam er zurück nach Deutschland. Er lebt jetzt in der Nähe von Lübeck. Auf Fragen von Schülern sagte er, er fühle sich hier sicher, denn Deutschland sei eine Demokratie. Er sieht es als seine Aufgabe, die Erinnerung an das in der Nazizeit Geschehene wach zu halten.


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