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„Meiner Tante verdanke ich mein Leben“

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Jurek Szarf, einer der letzten Überlebenden des Holocaust.

Jurek Szarf, einer der letzten Überlebenden des Holocaust.

Bad Malente-Gremsmühlen (wh). Er ist der Letzte in einer respektablen Rednerliste: Jurek Szarf (Jahrgang 1933) aus Stockelsdorf. Er ist einer der Letzten unter den Überlebenden des Holocaust. Als Ehrengast wohnt er einer Feierstunde bei, in der die Landespolizei Schleswig Holstein des 80. Jahrestages der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 gedenkt. Als Jurek Szarf im Saal der Polizeischule Wilhelm Krützfeld in Malente-Kiebitzhörn hinter das Rednerpult tritt, lassen seine munteren Einleitungsworte noch nicht erahnen, was er dann in sachlich-nüchterner Sprache von seinen schrecklichen Kindheitserlebnissen von 1939 bis 1945 berichten wird. Aber mitten im Schildern grauenhafter Vorgänge, blitzt zuweilen sein Humor auf, wenn er zum Beispiel erzählt: „Als Achtjähriger musste ich im Ghetto Tüten kleben. Das habe ich so schlecht gemacht, dass Deutschland den Krieg verloren hat.“
Jurek Szarf ist im polnischen Lodz aufgewachsen. Nur zwei Tage lang kann der Sechsjährige die Schule besuchen. Dann muss er 1940 mit seinen Eltern, den Onkeln und der Tante, die jüdischen Glaubens sind, ins Ghetto umsiedeln. Szarf erinnert sich an den Leiter des Ghettos „Litzmannstadt“, Hans Biebow: „Er fuhr mit einem Cabrio durch die Straßen, damit er aus dem Auto heraus Menschen erschießen konnte.“ Als Biebows kleiner Sohn einmal krank wird, lässt er wochenlang täglich einen jüdischen Kinderarzt aus dem Ghetto kommen. Schließlich ist das Kind geheilt, und Biebow erschießt den Arzt. Das erfährt Szarf von seiner Tante (die, da sie gut deutsch spricht und schreibt) von Biebow als seine Sekretärin bestimmt wird. Dieser „Job“ ist die Rettung für die Familie Szarf. „Ihr verdanke ich mein Leben. Ich durfte bei ihr bleiben, als die anderen Kinder abtransportiert wurden, und wir bekamen mehr zu essen als die anderen“, berichtet Szarf. Schließlich muss aber auch seine Familie ins KZ, zunächst nach Ravensbrück. Während viele Menschen in der Enge der überfüllten Waggons ersticken, findet Jurek eine Ritze in der Wagenwand, durch die er Luft bekommt.
„Das war die Hölle!“ erinnert sich Jurek Szarf. „Da gab es nur ein wenig Brot und Wassersuppe, und die Läuse haben meine Beine angefressen“, berichtet er. Später geht es ins KZ Königs Wusterhausen, dann nach Sachsenhausen, nördlich von Berlin. Jurek Szarf erlebt dort unvorstellbares Grauen („Ich musste Leichen stapeln“), bis das Lager im April 1945 von der Roten Armee befreit wird. und zwar im letzten Moment, denn: Er steht – mehr tot als lebendig - mit anderen noch im Lager Verbliebenen an der Wand - kurz vorm Erschießen durch Aufseher, die sich absetzen wollen.
Aus seiner Familie haben nur er, sein Vater und ein Onkel überlebt. „Meine Mutter ist verhungert, und meine typhuskranke Tante wurde auf dem Weg nach Auschwitz aus einem fahrenden Zug geworfen.“ - Von 1951 an lebte Jurek Szarf in den USA. 1972 kam er zurück nach Deutschland, lebt jetzt in der Nähe von Lübeck. Er spricht oft vor Schülern. Für die Veranstaltung in der Polizeischule hatte er drei Anfragen von Schulen absagen müssen.
Die Feierstunde diente gleichzeitig dem Gedenken des Namensgebers der Polizeischule. Vor 25 Jahren wurde sie dem preußischen Polizeibeamten Wilhelm Krützfeld gewidmet. Dieser verhinderte durch sein couragiertes Einschreiten in der Pogromnacht das Niederbrennen der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin.
Außer Staatssekretär Torsten Geerdts sprachen Maren Freyher (stellv. Behördenleiterin), Michael Wilksen (Landespolizeidirektor), Dr. Ingaburgh Klatt (Gedenkstätte Ahrensbök), Christiane Balzer (Kooperation Yad Vashem) und Werner Krützfeld (Großneffe von Wilhelm Krützfeld). Tenor aller Ausführungen war die Notwendigkeit, sich mit der Verstrickung der Polizei in das NS-System auseinanderzusetzen und das demokratische Selbstverständnis der Polizistinnen und Polizisten in der Gegenwart zu stärken. Auf die unrühmliche Rolle der Polizei im Dritten Reich müsse auch im Rahmen der polizeilichen Ausbildung unmissverständlich eingegangen werden. Ein Mann wie Wilhelm Krützfeld sei maßgebend für das Leitbild der heutigen Polizei.



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