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Erhellend oder ernüchternd? Bei der zweiten Vorstellungsrunde wollen die Bürgermeisterkandidat*innen Profil zeigen

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Eutin hat die Wahl zwischen diesen sechs Männern und dieser Frau: Michael Kasch, Sven Radestock, Olaf Bentke, Elfi-Jacqueline Meyer, Daniel Hettwich, Sascha Clasen und Christoph Müller (v.li.)

Eutin hat die Wahl zwischen diesen sechs Männern und dieser Frau: Michael Kasch, Sven Radestock, Olaf Bentke, Elfi-Jacqueline Meyer, Daniel Hettwich, Sascha Clasen und Christoph Müller (v.li.)

Foto: A. Jabs

Eutin (aj). Wer schafft es, in einer Runde von Sieben Akzente zu setzen und Sätze zu platzieren, die bis in die Wahlkabine nachhallen? Sicher keine einfache Aufgabe für die sechs Männer und eine Frau, die sich zutrauen, Eutin nach außen zu vertreten und nach innen inspirierend zu verwalten. In der direkten Begegnung hatten sie zum zweiten Mal die Gelegenheit, Person und Inhalte ins Licht zu setzen und vor allem die Lust auf die Wahl zu wecken. Eine Chance, die sie unterschiedlich nutzten. Sieben Fragen für sieben Minuten hatte sich Moderator Carsten Kock zum Warmwerden überlegt und alle sieben lavierten sich mehr als einmal an der Fragestellung vorbei, um unterzubringen, was ihnen offenbar für den Wahlkampf wichtig ist. Gleichwohl vermittelte die erste Runde einen Eindruck von Persönlichkeit und inhaltlicher Ausrichtung der BewerberInnen: Als ehrlich, einer, auf den Verlass sei, beschrieb sich der CDU-Kandidat Sascha Clasen, der emotionalste Moment für ihn sei das mehrheitliche Ja seines Ortsvereins gewesen. Als zentrales Thema seines Wahlkampfs nannte er die Wahlbeteiligung. Daniel Hettwich charakterisierte sich selbst als jemanden, der gern unkonventionelle Wege geht. Der unabhängige Bewerber stellt eine größtmögliche Bürgerbeteiligung in den Mittelpunkt. Für den Wettstreit um das Amt wünsche er sich mehr peppigen Schlagabtausch. Das ließ hoffen für den Abend. Hochmotiviert und meistens gut gelaunt gestaltet Michael Kasch nach eigenem Bekunden seine Kandidatur. CDU-Mitglied, aber als Bewerber unabhängig, hat er in erster Linie den Haushalt im Blick und eine klare Botschaft an die Eutiner*innen: „Gehen Sie wählen!“ Für Olaf Bentke, den die Freien Wähler ins Rennen schicken, war die Selbstbeschreibung deckungsgleich mit dem Slogan auf seinen Wahlplakaten: Bürgernah auf Augenhöhe und konzentriert auf das Thema Schule sieht er sich und sein Appell an die Wählenden lautete „Wählt mich!“ Deutlich auskunftsfreudiger gab sich Elfi-Jacqueline Meyer. Von der FDP mandatiert wolle sie historisch und zukunftsorientiert agieren. 4200 Bürgerinnen und Bürgern sei sie bisher begegnet, das habe sie berührt. Es gelte, auch einmal mutig zu sein. Multitalentiert sei sie und auch ihr lag am Herzen, dass die Menschen ihr Wahlrecht nutzen. Sven Radestock, Kandidat Bündnis 90/Grüne, hat besondere Erinnerungen ans Eutiner Rathaus: Seine Großeltern bewohnten als Hausmeister eine Dienstwohnung in der ersten Etage. Er lieferte eine eloquente Performance, seine Kandidatur sei wie Nachhausekommen. Armutsbekämpfung und sozialer Wohnungsbau führte er als wichtige Themen an. „Wählen gehen“ war auch sein Appell. Christoph Müller will mit seiner Kandidatur gegen die Politikverdrossenheit wirken. Die jungen Leute seien resigniert, überrascht sei er vom Zuspruch, den er erfahre. Sein Thema sei die Schule, grundsätzlich fehle ihm eine Auseinandersetzung zwischen den Kandidierenden. „Wählen Sie mich, wenn Sie etwas ändern wollen“, war der Satz, mit dem die Einzelrede endete.
Dass mehrere KandidatInnen die Unterschiede ins Feld geführt und eine Kontroverse gewünscht hatten, ließ für das Diskussionsforum Einiges erwarten. Einmischkarten, zwei pro Nase, sollten wohl als Ermunterung Wirkung zeigen. Beste Voraussetzungen für gelebte Demokratie. Und tatsächlich gab es Momente, in denen Konturen geschärft wurden. Zum Beispiel, als Michael Kasch seine Einmischkarte zückte, um beim Thema Haushalt zu attackieren: Kasch, für den die Priorisierung von Projekten einen Weg zu einem sparsamen Umgang mit den Finanzen darstellt, wunderte sich über Radestocks Bekenntnis zur Sparsamkeit: „Ich staune, gerade noch haben Sie die Mühle gefeiert“, gab er sich bewusst provokant. Radestock hielt dagegen: „Politik muss auch für das da sein, was das Leben in der Stadt ausmacht. Die Mühle macht das Leben in der Stadt aus“, gab er sich überzeugt. Zuvor hatte Daniel Hettwich mit Blick auf den Kauf der Mühle durch die Stadt gemahnt: „Prestige-Projekte stoßen mir auf. Wir dürfen uns davon nicht die Handlungsfähigkeit nehmen lassen“, so Hettwich, der auch gleich anfügte, wo sein Schwerpunkt liegt: „Wohnen ist ein Grundbedürfnis!“ Im Rahmen der Fragen aus dem Publikum kam die Feuerwehr zur Sprache. Ein Thema, das wenig geeignet ist, um die Unterschiede erkennen zu lassen. In Kürze: Die Feuerwehr und das Kinder- und Jugendparlament finden (völlig zurecht) alle gut und das durften auch alle der Reihe nach kundtun. Langatmig war das und auch wenn es mit Zwischenspielen à la „Wie machen Sie als Bürgermeister*in die Stadt einer Handballmannschaft/Theologiestudenten (…) schmackhaft?“ mehr oder weniger unterhaltsame Momente gab, vermisste man nicht nur pointierte Fragestellungen, sondern auch das beharrliche Nachhaken von Carsten Kock, für das man sonntags auch das Radio einschaltet, wenn man keine Stammhörerin seines Senders ist. Andererseits: So kam es ganz auf die BewerberInnen selbst an, sich als Nummer Eins der Verwaltung zu empfehlen. Der öffentliche Auftritt wurde mehrheitlich solide absolviert, es gab manche Überraschung, Versprecher, die aufmerken ließen, und reichlich Erwartbares. Wir-Gefühl und Miteinander wurden beschworen, Begriffe, von denen niemand für sich in Anspruch nehmen kann, sie erfunden zu haben. Aufschlussreicher waren die Antworten zum Verständnis der Bürgermeisterrolle: Für Sascha Clasen geht es nicht ohne Visionen und Weitblick, Michael Kasch beschrieb das Amt als Verwaltungschef, der viel in der Stadt unterwegs ist und die Bürger*innen einbezieht, Daniel Hettwich will Gräben überwinden und Bürgerbeteiligung ermöglichen, Sven Radestock antwortete mit den drei Ks: Kooperation, Koordination und Kommunikation. Für Olaf Bentke wird das Amt durch Ausführungskompetenz und die Möglichkeit, Ideen anzustoßen, gekennzeichnet, Christoph Müller sieht Parteilosigkeit als zentrale Voraussetzung eines Bürgermeisters, um die Verhärtungen zwischen den Parteien aufzulösen, Eli-Jacqueline Meyer versprach, Wünsche aufzunehmen und jede Bürgeranfrage ernstzunehmen: „Egal, wer anruft, es gibt eine Rückmeldung!“ Beim konfliktbeladenen Thema Schule gab es diejenigen, die sich klar für das Anliegen der Bürgerinitiative „Mehr Raum für Entwicklung“ aussprechen wie Olaf Bentke, Daniel Hettwich, Christoph Müller und diejenigen, die zwar die Position der BI nachvollziehen können wie Sven Radestock oder teilen wie Elfi-Jacqueline Meyer, aber die Notwendigkeit der Abarbeitung der politischen Beschlüsse sehen. Sascha Clasen betonte: „Das hat nichts mit dem Amt zu tun!“. Michael Kasch differenzierte: Man müsse die Beschlüsse umsetzen, aber auch sehen, dass die BI von ihrem demokratischen Grundrecht Gebrauch mache. Sollte die Interimsschule nicht als solche gebraucht werden, gebe es andere Verwendungsmöglichkeiten. Nach drei Stunden war Schluss. Wer sich nach dieser Zeitspanne nicht mehr ganz sicher ist, alles richtig verstanden und behalten zu haben, kann die Veranstaltung im Internet abrufen. Es wurde nicht nur gestreamt und simultan in Gebärdensprache und Schrift übersetzt, sondern auch aufgezeichnet. Oder man nutzt das Angebot und sucht das persönliche Gespräch. Dem stellen sich alle Sieben und das ist unabhängig von jeder Bühnentauglichkeit die gute Nachricht dieses Wahlkampfes.


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