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„Mit dem Handwerk gegen rechtes Schandwerk“

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Ahrensbök (ed). An der Südostfassade der für die Sanierung eingerüsteten Gedenkstätte Ahrensbök hängen zwei große Banner – auf einem der Satz von Esther Bejarano „Ihr tragt keine Schuld für das, was passiert ist, aber Ihr macht Euch schuldig, wenn es Euch nicht interessiert. Erinnern heißt handeln.“, auf dem anderen steht „Mit dem Handwerk gegen rechtes Schandwerk“. Auf dem Gerüst und um die Gedenkstätte herum lauter junge Menschen in Kluft – der traditionellen Kleidung der HandwerksgesellInnen auf der Walz. Sie sind MalerInnen und LackiererInnen, TischlerInnen, Zimmerer und Zimmerinnen, ein Kfz-Mechatroniker, ein Koch, KonditorInnen, PoliteurInnen, eine Gärtnerin, eine Buchbinderin und ein Steinmetz und Steinbildhauer – sie kommen aus ganz Deutschland, einige sogar aus Österreich. Und dass sie für Kost und Logis arbeiten, ist für sie ganz normal, schließlich ist jeder und jede von ihnen Handwerksgeselle oder -gesellin auf der Walz – dass sie aber dabei helfen, eine Gedenkstätte zu erhalten, ist für jeden und jede etwas besonderes.

 

„Das ist der Grund, wieso wir alle hier sind“, sagt Bätzy Fremde Tischlerin (mit Überschreiten des Ortsschilds ihrer Heimatstadt geben die WandergesellInnen ihr Zuhause und ihren Namen für die Zeit der Wanderschaft auf). „Wir wollen uns mit der Geschichte auseinandersetzen.“ Zwischen 20 und 25 WandergeselInnen sind es, die über vier Wochen die Sanierung der Gedenkstätte Ahrensbök unterstützen – Daniel Hettwich vom Trägerverein der Gedenkstätte freut sich über die jungen Leute: „Wir brauchen Haltung in der Zivilgesellschaft“, sagt er, „die Arbeit in einer Gedenkstätte ist wichtig, sie stemmt sich gegen Rechts – und diese jungen Menschen sind hier, weil sie Haltung haben und diese Arbeit unterstützen wollen.“ Dass sie für Kost und Logis arbeiten, sei aller Ehren wert, viel wichtiger aber sei der inhaltliche Wert, den ihre Arbeit vermittele. Denn die Arbeit in der Gedenkstätte werde nicht leichter, ergänzt Sebastian Sakautzki, der Leiter der Gedenkstätte, „allein ehrenamtlich ist das schon lange nicht mehr zu stemmen – wir brauchen dringend finanzielle Zusagen, um unbefristete, hauptamtliche Stellen schaffen zu können.“ Deren es derzeit eine gibt – notwendig wären drei. „Der Rechtsextremismus ist nicht weit weg, unsere Arbeit ist nicht das Erinnern sondern die Prävention, dafür zu sorgen, dass es nicht wieder passiert.“ Umso großartiger sei die Unterstützung der HandwerksgesellInnen – und das, was die jungen Leute schaffen, ist enorm. Ein Maler und Lackierer hat mal eben alle Fenster neu lackiert – und das Mauerwerk der Südostfassade freut sich über intakte Steine und Fugen aus traditionellem Muschelkalk.

 


Es gehöre zum Konzept der Sanierung, dass die Gedenkstätte Arbeit für HandwerksgesellInnen auf der Walz biete – davon hörte Bätzy Fremde Tischlerin und fragte über das nicht erklärbare Netzwerk unter den jungen Leuten auf der Walz (sie sind ohne Mobiltelefon und Co unterwegs), wer auf der sogenannten Soli-Baustelle arbeiten wolle. Am 2. Mai trudelten sie nach und nach ein, die meisten zu Fuß, wie es der Brauch verlangt – und auch das sei ein Grund, aus dem sie hier seine, denn ihre Kluft und die Tradition des Wanderns hielten viele Menschen für typisch deutsch mit Tendenz nach rechts. Das Gegenteil ist der Fall – dien Brauch gibt es seit dem Spätmittelalter, während der Nazizeit aber waren nur wenige junge Männer unterwegs, weil sie fürs Militär gebraucht wurden und die Freiheitsliebe der Handwerksgesellen nicht zum Nationalsozialismus passte. Deswegen wurden die Schächte (die Zusammenschlüsse der Fremden) von den Nazis verboten. Erst nach dem Krieg begannen die Wanderschaften wieder. „Wir wollen ein Zeichen gegen Rechts setzen“, erklärt Jürgen Fremder Freiheitsbruder (der Name seines Schachtes) Steinmetz Steinbildhauer, „denn unsere Tradition wird zu oft mißinterpretiert, und es ist wichtig, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Deswegen wollen wir unsere Einstellung zeigen.“ „Denn Gedenkkultur ist unverhandelbar“, sagt Ratz Fremder Zimmerer, „das gilt auch fürs Erinnern.“ Und das nehmen sie ganz persönlich, die jungen Leute. Ein Fremder sei abgereist, erzählt Bätzy, mit dem Vorsatz, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten – Futter dafür bekommen sie hier zuhauf, denn neben der Arbeit an der Gedenkstätte warten Workshops, Vorträge und Führungen auf die GesellInnen auf der Walz, die Geschichte und Arbeit der Gedenkstätte näherbringen.

 


Bis Ende des Jahres dauern die Sanierungsarbeiten noch, aber die HandwerksgesellInnen haben sie ein ganzes Stück vorangebracht – die Südostfassade ist fertig, die ehemalige Veranda abgebrochen, Mauerwerk geschützt, Schuppendächer gedeckt. Jeder hat das gemacht, was er oder sie konnte – oder hat es sich zeigen lassen. „Es ist bemerkenswert, dass so viele unterschiedliche Leute aus verschiedenen Gewerken und Schächten hier sind“, freut Bätzy sich, „schließlich gibt es noch andere Baustellen, Veranstaltungen und Treffen parallel, aber sie sind hier.“
Das Wort Kluft, mit dem man die traditionelle Kleidung von Handwerksgesellen auf der Walz bezeichnet, stammt übrigens vom hebräischen Wort qellippa (für Schale, Rinde) ab.


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