Reporter Eutin

Versklavt, verwundet, verstorben - nicht vergessen

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Plön (los). Inzwischen ist es verbrieft: Auf Grundlage eines Dokuments, das der Plöner Historiker Karsten Dölger im Archiv des Internationalen Suchdienstes Arolsen gefunden hat, gibt es nun deutliche Konturen bei der Rekonstruktion der letzten Lebenswochen der ungarischen Jüdin Ilonka Pfeffer. Sie starb am 1. Juli 1945 in der „Heilstätte des Johanniter-Ordens“ in der Seestraße, die 1958 Sitz der Plöner Kreisverwaltung wurde.
Seit Mai 2021 erinnert eine Gedenktafel auf dem Alten Friedhof in Plön an der Eutiner Straße an die verschleppte Frau, deren Grabstätte nicht mehr verzeichnet und nicht mehr nachweisbar ist.
Anlässlich der Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag, 14. November 2021 in der Plöner Nikolaikirche reflektieren erstmals Schüler der Gemeinschaftsschule Am Schiffsthal das Schicksal der Zwangsarbeiterin aus der ehemaligen Munitionsfabrik Muna-Lübberstedt in Niedersachsen.
Die gelernte Schneiderin Ilonka Pfeffer hatte zunächst Glück im Unglück, da sie als brauchbare Arbeitskraft beurteilt aus dem Vernichtungslager Auschwitz heraus nach Niedersachsen deportiert wurde, also erst einmal überlebte. Die übrigen Mitglieder der Familie Pfeffer wurden als „unwertes Leben“ in der Gaskammer ermordet. Man kann darüber spekulieren, wie die Erkenntnis die junge Frau traf, als sie auf der Rampe von Auschwitz als „Arbeitsfähige“ von ihren Eltern getrennt wurde, was nach Karsten Dölgers Recherchen ziemlich wahrscheinlich ist. Fortan schuftete Ilonka Pfeffer ab 1944 in der Rüstungsfabrik Muna Lübberstedt bei Bremerhaven, einem Außenlager des Hamburger Konzentrationslagers Neuengamme. Das KZ hatte mehr als 60 Männer-Außenlager und 24 Frauen-Außenlager, mindestens 86 sollen es bis zur dänischen Grenze gewesen sein. Die Kriegsmaschinerie lief 1944 auf Hochtouren. Viele der Frauen erkrankten schwer an den toxischen Dämpfen, die sie bei der erzwungenen Arbeit in der Munitionsfabrik täglich einatmen mussten.
Das KZ sollen die ersten 150 Frauen schon am 20. April 1945 verlassen haben. Die nächste Gruppe wurde am 29. April in einen Zug verfrachtet. Als die Front näher rückte, seien die Frauen und Mädchen nach Cuxhaven transportiert und per Boot über die Elbe nach Brunsbüttel gebracht worden, berichtet der Historiker. Dort sei die Gruppe erneut in Bahnwaggons gezwungen worden, die nun Richtung Lübeck rollten.
Der Plan der Peiniger war offenbar zunächst, die KZ-Insassen aus der Munitionsfabrik auf die mit Menschen bereits voll gestopfte „Cap Arcona“ zu bringen, die in der Lübecker Bucht ihrem traurigen Schicksal der Versenkung durch die ahnungslosen Alliierten am nächsten Tag entgegendümpelte. Sie sank am 3. Mai vor Neustadt: Mit ihr 7100 Menschen, darunter 6600 Häftlinge.
Das Schiff soll bereits seit dem 14. April wegen eines Maschinenschadens auf Reede gelegen haben. Ein knappes halbes Jahr lang war es ab 1944 für den Transport deutscher Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach Schleswig-Holstein eingesetzt worden. Nach offiziellen Angaben der Royal Air Force sei die „Cap Arcona“ bei dem Angriff am 3. Mai als Truppentransportschiff eingestuft und befürchtet worden, dass führende NS- und SS-Kräfte darauf flüchten und sich nach Norwegen absetzen wollten. Eine ähnliche Fehleinschätzung liegt wohl dem Angriff auf den Munitions-Güterzug zugrunde: Nichts deutete darauf, dass in den Viehwaggons auch Frauen und Mädchen eingepfercht waren.
Hitlers Schergen hatten sich viel Mühe gegeben, ihr mörderisches Tun in den Lagern unter den Teppich zu kehren und zu verheimlichen, wovon die äußerst gründliche Räumung des KZs Neuengamme Zeugnis ablegt. Viele flüchteten erfolgreich, unter anderem nach Flensburg. Im „Regierungsviertel“ in Mürwik war eine funktionierende Rest-Nazi-Bürokratie entwickelt worden, die neue Identitäten „nach Maß“ schneidern konnte. So gelang es vielen der NS-Gräueltäter, im Mai 1945 unentdeckt in und aus Schleswig-Holstein abzutauchen.
Nachdem der Zug mit den KZ-Zwangsarbeiterinnen in Lübeck neu zusammengestellt worden und Richtung Norden unterwegs war, kam es am 2. Mai 1945 bei Eutin auf Höhe von Bockholt zu einem Bombenangriff der Alliierten. „Als klar wurde, dass die Cap Arcona bereits überfüllt war, setzten sich die Waggons mit unklarem Ziel in Bewegung“, berichtet Karsten Dölger. Dabei habe es sich um einen Munitionstransport gehandelt und somit ein potenzielles Ziel für die Alliierten, so wie das Schiff. Die Frauen in diesen Transport voll explosiver Stoffe zu zwingen, war mutmaßlich zynisches Kalkül des NS Regimes. So bestand im Fall eines Angriffs die Möglichkeit, diese Zeugen der verübten Gräuel auf einen Schlag loszuwerden.
Die Zugfahrt ins Nirgendwo erwies sich für die jüdischen Frauen entsprechend als Höllentrip. Der Transport geriet am 2. Mai 1945 bei Bockholt unter Beschuss. Flugzeuge der Alliierten hatten ihn ins Visier genommen. Ein Munitions-Waggon explodierte. 43 der Eingepferchten fanden den Tod. Andere erlitten Verletzungen, auch Ilonka Pfeffer.
Ilonka Pfeffer wurde allerdings erst am 14. Mai 1945, sechs Tage nach der Kapitulation im Eutiner Kreiskrankenhaus eingeliefert und aufgenommen. Laut des Dokuments des Suchdienstes, einer „Zusammenstellung von ausländischen Patienten“ hatte sie infolge des Tieffliegerangriffs eine Verletzung am rechten Schulterblatt erlitten. Aus der Auflistung geht der Beweis hervor, dass sie tatsächlich der Gruppe der jüdischen Zwangsarbeiterinnen aus der Muna Lübberstedt angehört hat. Das Dokument bestätige mit einer letzten Sicherheit die korrekte Einordnung, erklärt Karsten Dölger.
Wo sich die verletzte Ilonka in der Zwischenzeit – nach dem Angriff und bis zu ihrer Einweisung ins Eutiner Krankenhaus – aufhielt, ist unklar. Sie wurde am 8. Juni aus der Klinik entlassen, kam dann jedoch irgendwann nach Plön in die Lungenheilanstalt, da sie schwer an Tuberkulose erkrankt war.
Der zweite Angriff auf den Zug am 3. Mai bei Timmdorf blieb Ilonka Pfeffer also erspart. Ihre Leidensgenossinnen mussten diesen ertragen: Bei dem Beschuss starben weitere 16 Menschen. Diese Frauen wurden auf dem Alten Friedhof in Plön beigesetzt, allerdings 1960 auf die Kriegsgräberstätte nach Schleswig-Karberg umgebettet.
Die 320 Überlebenden des Transports sind am 3. Mai 1945 am Plöner Güterbahnhof gestrandet und haben sich im nahen Parnaß-Wald versteckt. Am 4. Mai gelang den überlebenden Jüdinnen ein erster Kontakt zu einer Einheit der britischen Militärs, vier Tage vor der Kapitulation. Sie blieben nur kurze Zeit in Plön und wurden auf Betreiben der Briten Ende Mai von dort nach Haffkrug verlegt. Den Küstenort hatte die deutsche Bevölkerung räumen müssen.
Von der Gruppe aus Muna-Lübberstedt blieb nur Ilonka Pfeffer übrig. Die Einsamkeit ihrer letzten drei Lebenswochen in Plön lässt sich mit Blick auf ihre vermutlich geringen Deutschkenntnisse und durch die Umstände abgerissenen Kontakt zu ihren Leidensgenossinnen nur erahnen. Krankheitsbedingt litt Ilonka Pfeffer unter zunehmender Luftnot, damit zusammenhängend wohl auch Todesängsten, ähnlich schweren Corona-Erkrankungen. Am 1. Juli 1945 erlag sie ihrer Tuberkulose-Infektion.
Ilonka Pfeffer wurde in einem Einzelgrab auf dem Alten Friedhof bestattet. „Eine Nachfrage beim zuständigen Amt Haddeby ergab, dass Ilonka Pfeffer 1960 nicht exhumiert worden war“, erzählt Karsten Dölger. Das Einzelgrab könnte damals übersehen worden sein. Sowohl nach jüdischem Ritus wie nach den Vorschriften für Kriegsgräber besteht das Grab von Ilonka Pfeffer fort – eigentlich. Doch Ilonkas Spur verliert sich, irgendwo auf dem Ostende des Alten Friedhofs, wo sie ihre letzte Ruhe gefunden haben soll. Dank der Initiative Dölgers und Unterstützung von Friedhofsverwalter Ulrich Moeller und Pastor Roland Scheel erinnert hier nun zumindest eine kleine Gedenktafel an ihr Schicksal.


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