Reporter Eutin

Kontrastreicher Spannungsbogen beim Neujahrsempfang in Schönberg

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Schönberg (mm). Der Schönberger Neujahrsempfang lebte von Kontrasten. Wortgewaltige Weltpolitik kam vorigen Freitag zur Sprache. Doch auch leise, bescheidene Töne waren zu hören im voll besetzten Festsaal des Hotels „Am Rathaus“. Vor allem in dem Augenblick, als Brigitte Klose sprach. Zuvor hatte sie „Bürgerpreis 2023“ verliehen bekommen. Weil sie seit 2015 bereits Tag für Tag fünf bis bis acht geflüchtete Kinder und Jugendliche betreut, mit Essen versorgt, Sprachunterricht erteilt, Arbeitsmaterialien auf eigene Kosten besorgt und einige inzwischen bis zum Abitur gebracht hat“ begründete Wolfgang Mainz, Schönbergs erster stellvertretender Bürgervorsteher, die Auszeichnung. Dann erklärte er, warum die Jury sich ausgerechnet für Klose entschieden habe: weil sie das „still und leise, aber mit viel Blut Herzblut“ getan habe. Ob sie wollte oder nicht, nach der Würdigung war die Geehrte gefordert, etwas zu sagen. Mit etwas zittriger Stimme zählte sie als erstes die Namen aller Menschen auf, die ihr geholfen hätten. „Ohne die wäre das doch nicht möglich gewesen“, sprach sie leise, sehr leise. Doch ihre zaghaften Worte ließen deutlich spüren, dass sie die Kinder tatsächlich in ihr Herz geschlossen hatte. Klose redete wenig, und sagte viel.
Nun zu jenen, die sonst noch reden durften, zu jenen, denen reden leichter fällt. Den Anfang machte Hildegard Mersmann. Die Kreispräsidentin hob hervor, dass die Flüchtlingsunterkunft des Kreises Plön in Schönberg seit Mitte Januar „endlich“ in Betrieb sei. Die Vorbereitungen seien ihr vorgekommen wie ein Hürdenlauf. „Und die Hürden waren hoch“, stöhnte sie. Um die ehemalige Jugendherberge fit zu machen, habe „allein der Brandschutz“ schon 320.000 Euro gekostet. Immerhin 80 Menschen fänden jetzt Platz. „Doch angesichts der aktuellen politischen Situation wird auch das möglicherweise bald nicht mehr ausreichen“, prognostizierte sie.
Einen Ausflug in die Weltpolitik genehmigte sich auch Kristian Klinck, SPD-Abgeordneter des Wahlkreises Plön - Neumünster im Bundestag. „Die Menschen fürchten, dass der Krieg sich ausweitet“, begann er. „Doch das wird nicht passieren“, dessen sei er sicher. Er rechne auch nicht damit, dass sich Russland durchsetzt. Erstens, „weil keine Seite Interesse an einer Ausweitung des Krieges hat“, zweitens „weil auf diplomatischer Ebene viel gesprochen wird“, sagte er entschlossen. Zugleich plädiere er für „eine Art Doppelbeschluss“. Einerseits sollte die Ukraine weiter gestärkt werden, andererseits sollten Friedensgespräche geführt werden. „Die Initiative dafür müssten von den Staaten des globalen Südens ausgehen“, erläuterte er, „da die in einer eher neutralen Position wären“. Von der großen Weltpolitik schwenkte der Mann aus dem Bundestag anschließend zu innenpolitischen Themen. „Ja, wir sind in einer Krise“, stellte er fest. Trotz diplomatischer Sprache ließ er erkennen, dass er der Sichtweise der Regierungskoalition nicht bedingungslos folgt: „Zu einer Krise gehört als erstes dazu, sich einzugestehen, dass man sich in einer Krise befindet“. Danach nahm Klinck kein Blatt mehr vor den Mund. Er leitete über zum Thema Landwirtschaft. Mit dem „neuen Kompromiss“ könne er sich nicht abfinden. Denn: „Kompromisse kann man nicht einseitig verkünden“, betonte er.
Eine andere Meinung vertrat Werner Kalinka, der für die CDU im Landtag sitzt. „Bei den Bauernprotesten geht es in erster Linie um einen Protest gegen Bürokratie“, sagte er. Als ob schon Wahlkampf sei, nutzte auch er die Gelegenheit und rührte die Werbetrommel. „Die Rentner haben nicht so eine Lobby wie die Bauern“, holte er aus. „Doch auch die sollten einen Inflationsausgleich bekommen“, so seine Überzeugung.
Fast schon mäßigend wirkte dagegen der Auftritt von Bürgermeister Kokocinski: „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen“, meinte er und wählte zunächst seichtere Themen. „Ganz Deutschland hat auf uns geschaut, als die Probsteier Tracht zur Tracht des Jahres gewählt wurde“, erzählte er. Versöhnlich und ermunternd wirkte er auch beim Schlagwort Tourismus. Auch hier sparte er nicht mit Superlativen. „Schönberg ist im Kreis Plön Tourismusgemeinde Nummer eins“, rechnete er vor. Von Urlaubern höre er oft: „Hier verbringe ich die glücklichsten Wochen des Jahres“. Das wahrzunehmen sei sehr wichtig, unterstrich er und mahnte „ehrlich“ zu sein. Denn: „Der Einzelhandel floriert nur so gut wegen des Tourismus“. Er forderte daher „Solidarität“ mit den Urlaubsgästen, „etwa im Sommer, wenn man mal in einer Schlange vor dem Bäcker stehen müsste“. Unpolitisch mochte aber auch Kokocinski nicht bleiben. So fragte er Kreispräsidentin Hildegard Mersmann, ob „man nicht die Kreisumlage senken könne“. Zudem beschränkte er sich nicht auf kommunalpolitische Themen, sondern blickte schon voraus auf Sonntag, 9. Juni, wenn das europäische Parlament gewählt wird. „Da sollte jeder unbedingt von seinem Stimmrecht Gebrauch machen“, mahnte er. Schließlich gehe es darum, demokratische Kräfte zu stärken. Um den Gang an die Wahlurne noch attraktiver zu machen, stellte Kokocinski für diesen Termin in Schönberg eine besondere Aktion in Aussicht. Einen „Tag der Vereine“ soll es geben. Wie der konkret gestaltet wird, sei zwar noch in Vorbereitung. In jedem Fall aber werde das eine großartige Veranstaltung, bei der sich alle Vereine präsentieren könnten.
Einen Ausflug in die Politik konnte sich auch Amtsdirektor Sönke Körber nicht verkneifen. Er verwies auf „die 60 Milliarden-Lücke“, die im Bundeshaushalt klafft, und schlug den Bogen zurück zu kommunalen Aufgaben. „Ich hoffe ja, dass wir überhaupt noch Förderungen bekommen“, fragte er lächelnd MdB Kristian Klinck. Ansonsten humorvoll unterwegs, wurde er plötzlich nachdenklicher, lauter, und schärfer. Er werde dafür bezahlt, dass er sich mit vielen Problemen auseinanderzusetzen habe, leitete er ein. Und großen Respekt habe er daher und sowieso vor allen, die sich ehrenamtlich in der Politik engagierten. Doch zurzeit, etwa beim Thema Heizungsgesetz stünden diese oft vor einem Dilemma. „Sie müssen vielfach Dinge erklären, die sich überhaupt nicht erklären lassen“, sagte er in Anspielung auf die Bundespolitik.
Wie aus einer anderen Welt wirkte danach die Rede von Mathias Nebendahl. Die Rede des Vorsitzenden des Kirchengemeinderates der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Schönberg wirkte ernst und deutlich zugleich. Krisen schärfen den Blick für das Wesentliche“, sagte der Kirchen-Mann und Professor für Gesundheitsrecht, in philosophisch-seelsorgerlicher Tonlage. Um das „Problem des Personalmangels“ der großen deutschen Kirche machte er ebenfalls keinen Bogen. Bis 2050 werde es rund ein Drittel weniger Pastoren geben als heute, rechnete er vor. Eine Lösung für den Schwund sei „Kirche 2030“. Das sei ein sehr gutes Konzept der Nordkirche, meint Nebendahl. In Schönberg sei es bereits Wirklichkeit. Am Reformationstag vorigen Jahres (31. Oktober) hatten sich die evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Laboe, Probsteierhagen, Schönberg und Selent zu einem Pfarrsprengel „Kirche in der Probstei“ zusammengeschlossen. Für die vier Gemeinden bedeute dies, dass bis 2030 nur noch 3,5 Pastorenstellen vorgesehen seien, statt bislang noch 5,5. Klar sei inzwischen auch, dass am 1. März Pastorin Kristin Gattscha die Nachfolge von Pastor Björn Schwabe antreten wird. Ein kontrastreicher Abend damit noch nicht zu Ende. Viele Vereine berichteten über kleine und große Erfolge. So ist der Tanzsportclub Schönberg inzwischen der zweitgrößte Verein seiner Art in Schleswig-Holstein. Wie eine erfrischende Zusammenfassung des Neujahrsempfangs wirkte die kurze Rede von Wilfried Friese. „2024 wird ein Jahr der Dankbarkeit“, sagte der Vorsitzende des Schönberger Turn- und Sportvereins, die neue Sporthalle fest im Blick. Wer beim Neujahrsempfang dabei war, hatte Gelegenheit eine lebendige und vielseitige Gemeinde zu erleben.
Fotos: Kontrastreicher Spannungsbogen (Fotos: Münch)
(1) Wolfgang Mainz (l.) und Peter Kokocinski ehren Brigitte Klose mit dem Schönberger Bürgerpreis 2023

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