Petra Remshardt

Auf den Spuren der Mönche

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Schleswig-Holstein. Sanft sind die Kuppen, hoch ist der Himmel über Ostholstein. Wald und Wiesen bis zum Horizont, Seen liegen zwischen den Hügeln und im Himmel kreist ein Seeadler. Man mag mit dem Fahrrad anhalten und dem Bussard zuhören oder dem Wind. Pause machen irgendwo am Knick, den alten Hecken, die den Wind bremsen, die Wege begleiten und behüten. Oder man hält inne und besucht eine Kirche - sie sind oft auch Zeugen der Geschichte in Ostholstein. Denn wer hier radelt, ist auch auf den Spuren der Mönche unterwegs:
Der Mönchsweg ist ein knapp 1000 Kilometer langer Radfernweg und er folgt - von der Weser bis nach Skandinavien - den Spuren der Mönche, die im Mittelalter das Christentum in den Norden brachten. Auch durch Ostholstein führt diese reizvolle Route - vorbei an Seen und Schlössern, an die Ostsee. Viele Kirchen am Wegesrand sind für Besucher geöffnet.
Ein Ausflug von der Route führt nach Kirchnüchel: Wuchtig und wehrhaft steht das Gotteshaus auf einem hohen Hügel. Eine wundertätige Quelle gab es einst, und schon lange vor Ankunft der Christen war dieser Ort den slavischen Wenden wohl heilig. Man spürt eine Kraft, eine Energie. Vielleicht tut auch nur die Pause gut, diese Aussicht und die Ruhe, wahrscheinlich hat man schon den Abstand zum Alltag gefunden.
Eine sakrale Stille empfängt den Besucher in der Kirche, es riecht nach Kerzen, die erloschen sind. Durch die Fenster aus buntem Glas fällt ein schönes Licht in das Kirchenschiff. Das Gotteshaus ist schlicht; die Steinsärge in der Gruft und das Mausoleum aber sind opulent und barock in ihrer Ewigkeit. Kirchnüchel war ein Ort der mittelalterlichen Marienverehrung. Die Reliquie, man kann sie noch heute sehen, ist wenige Zentimeter klein, diese Madonnen-Figur aus Elfenbein. Die Stille in dieser Kirche tut gut, sie beruhigt den Geist und schärft die Sinne, was schön ist auf der weiteren Tour. Die Eindrücke aus der Natur erscheinen deutlicher. Und Muße hat man gefunden - und vielleicht deshalb Glück, einen Eisvogel zu sehen, wie er über den Bach flitzt, gleich einem fliegenden Edelstein.
 
Auf dem Weg nach Neustadt verlässt man den Mönchsweg für einen lohnenden Umweg. Das Ziel ist Gut Hasselburg, eine der größten Anlagen ihrer Art in Schleswig-Holstein mit einem schönen, barocken Herrenhaus. Die Route führt über Eutin Richtung Ostsee, auf halber Strecke nimmt man den Abstecher über Gut Sierhagen, ebenfalls ein prachtvolles, schönes Anwesen. Mächtige, uralte Eichen setzen Akzente in diese Landschaft; Jahrhunderte alt und wuchtig wie Denkmäler. Vielleicht sind manche dieser Bäume Zeugen der Zeit, als die Mönche vor 800 Jahren durch diese Gegend zogen; heute in weiten Teilen der Naturpark Holsteinische Schweiz.
Radelt man also nach Hasselburg, kommt man am Gut Sierhagen vorbei. Bekannt ist es auch für seine schöne Gutsgärtnerei. Bunte Blumen und exklusive (Duft)-Gehölze, Kräuter und Stauden, wohlriechende Rosen - es ist ein traumhafter Ort, der alle Sinne anspricht. Und nebenan lockt das Café zur verdienten Rast. Dann eine kurze Etappe noch bis zum Gut Hasselburg. Unvermittelt taucht das Herrenhaus von Hasselburg zwischen den Bäumen auf und die Turmglocke schlägt.
Die Räumlichkeiten für die Gäste befinden sich im Gutshof; erstklassige, moderne und im wahren Wortsinn ausgezeichnete Zimmer und Ferienwohnungen. Auch die Ursprünge dieser Anlage reichen in die Zeit zurück, als sich die Mönche auf den Weg machten, das Christentum in diese vormals slawische Region zu bringen. Verbirgt Hasselburg ein Geheimnis aus dieser Zeit? Das Herrenhaus wird privat bewohnt und einige Räume sind nur im Rahmen einer Führung oder bei Konzerten zu besuchen. Hausherrin ist die Hörspielkönigin Heikedine Körting. Sie inszenierte, zum Beispiel, die Hörspiele der „Drei ???“. Und …das Geheimnis um den Tunnel, es hätte nicht besser erfunden werden können:
 
Einen guten Kilometer von hier befindet sich die Basilika von Altenkrempe. Die Ursprünge reichen zurück bis in das frühe 13. Jahrhundert. Der Sage nach gab es einen geheimen Tunnel zwischen der Basilika und dem Gut. Warum? Wo genau? Keiner weiß es mehr. Falls es ihn gab, wird der Gang längst zusammengestürzt oder überflutet sein. Aber: Heikedine Körting lädt ins Herrenhaus, führt durch einen Konzertsaal mit prachtvollem Deckengemälde. Führt in den Salon; Bodendielen knarren, hohe Decken, Stuck, opulent und von barocker Fülle und Ausmaß, mit Skulpturen und Gemälden.
In einer Ecke des Salons steht ein Kamin. „Und genau hier hat mein Bruder, als wir das Herrenhaus in den 1970er Jahren bezogen, einen kleinen Eingang zugemauert; der befand sich in der Rückseite des Kamins“, sagt Heikedine Körting. Weitere bauliche Spuren dazu verloren sich im Gebäude ebenso, wie sie das im Laufe der Geschichte taten … aber wer weiß das schon. Und in der Basilika von Altenkrempe, dem vermeintlichen anderen Ende/dem Anfang des ominösen Tunnels, halten sich die Gerüchte, dass beim Renovieren vor mehr als hundert Jahren, eventuelle Zeugen, bautechnische, so es sie je gegeben habe, verloren gegangen sein könnten. Im heutigen Heizungskeller? Vielleicht. So, jedenfalls, munkelt man. Geheimnisse.
Die Basilika von Altenkrempe ist eine der eindrucksvollsten mittelalterlichen Kirchen in Schleswig-Holstein, von Hasselburg aus begleitet eine prächtige Lindenallee den Weg dorthin ein Stück. Ostholstein wurde im 12. Jahrhundert durch Deutsche in Besitz genommen, das Land der Slaven missioniert. Doch hier blieb ein Rückzugsgebiet der Eroberten, wohl ein Unruheherd. Pfarrer Helmold von Bosau am Plöner See, so steht es im Kirchenführer geschrieben, nannte diesen Ort seinerzeit eine „Räuberhöhle“. Aber auch hier entstanden Kirchspiele und Altenkrempe nahm seinen Anfang. Der barocke Altaraufsatz, das Taufbecken mit vergoldeten Reliefs, die Grabplatten aus schwarzem Stein - es ist alt und ehrwürdig.
Die Route führt weiter in die alte Hafenstadt Neustadt. Boote schaukeln im Hafen und Taue klappern an den Masten, Schritte verhallen in verwinkelten Gassen; die Stadt hat Flair und Geschichte ist fühlbar nah. Neustadt lockt mit seiner Backsteinromantik, den Cafés und dem Brauhaus samt guter Gaststätte hier am Hafen. Am westlichen Ufer steht eine kleine, unscheinbare Kirche in einem historischen Häuserensemble, die oft übersehen wird - die Hospitalkirche zum Heiligen Geist. Gisela Künkel ist Stadtführerin in Neustadt. Sie schließt die Kirche auf und erzählt.
„Im 14. Jahrhundert waren Pilger zum Kloster Cismar unterwegs und sie schlugen ihr Quartier oft einfach vor der Brücke auf, da sie kaum Geld für eine Unterkunft hatten. Den Neustädter Bürgern gefiel das nicht, aber es rührte auch ihre Herzen. Also gründeten sie vor der Stadt eine Herberge. Die Häuser - eines ist ein kleines Museum, die anderen sind Wohnungen - und die Kirche gaben Gelegenheit zur Einkehr, Kranke wurden gepflegt und man stellte Obdach und einen Raum für das Gebet, etwas zu Essen zur Verfügung.“
An den Wänden sind Reste gotischer Malereien zu sehen; leuchtend mitunter noch die Farben. Auf dem Boden Grabplatten, in die sonderbare Zeichen geritzt sind. An der Decke hängt ein Votivschiff. Draußen braust der Verkehr, unstet und hektisch. Im Hafen liegen die Schiffe; sie verheißen Aufbruch und Ankunft. Auf einer Reise Geborgenheit für den Moment. So wie diese Kirche. Und so fühlt es sich noch heute an, zumindest für den Augenblick. Und mag man noch verweilen, geht der Weg doch weiter - nach Cismar und darüber hinaus.
 
Von Neustadt führt der Mönchsweg Richtung Küste und der Strand blinkt unter der Sonne, auf der blauen See ferne Segelboote wie weiße Tupfer. Dann ist Cismar erreicht; Kloster und Kirche - und mit einem Schatz. Dietrich Scheil schließt die Tür auf, ein paar Schritte weiter in dem halbdunklen, kühlen Gewölbe ist ein massives Gitter. Schlüssel klappern, Schritte hallen leise, und hat sich das Auge an das Zwielicht gewöhnt, wirkt das Kirchenschiff dahinter wie in ein warmes Licht getaucht. Und dann leuchtet der Altar in Gold und Farbigkeit, offenbart seine faszinierenden Figuren - seit mehr als 700 Jahren zeigt der Schrein biblische Szenen.
Cismar war einst mächtig, wichtig. War aber auch Verbannungsort wohl allzu fröhlicher Mönche: „Gegründet wurde das Kloster im 13. Jahrhundert von Graf Adolf von Holstein“, berichtet Dietrich Scheil. „Damals mussten Mönche aus dem Lübecker Kloster umgesiedelt werden, es ging um Fragen von Zucht und Moral.“ Schnell entwickelte, wohl auch durch cleveres Wirtschaften und Marketing (Reliquie, Heilwasser), ein reicher - landwirtschaftlicher - Besitz. Cismar war einst eines der wichtigsten geistigen und wirtschaftlichen Zentren. „Kloster Cismar war auch ein bedeutender Wallfahrtsort“, sagt Scheil und öffnet eine weitere, eine Kellertür, führt in ein prachtvolles Gewölbe. Bleibt an einem Schacht stehen, an dessen Grund schwarzes, öliges Wasser glänzt. „Das ist die Johannes-Heilquelle; und dieses Wasser haben die Mönche verkauft.“
Aber: Dreihundert Jahre nach der Gründung wurde Cismar geplündert. Doch Glanz und Glorie haben sich bis heute bewahrt. Und das Café lädt zur Rast - Ort und Atmosphäre sind schön, sind stimmig und jeden Augenblick meint man, die Mönche im Kreuzgang zu sehen. Die Glocke schlägt die Stunde und in den Bäumen wispert der Wind. Die Route führt über Oldenburg nach Heiligenhafen an die Küste.
Auch dieser Ort entstand mit der Kolonisierung - sprich: Christianisierung - Ostholsteins. Mit Heiligenhafen fand sich ein günstiger Anlandeplatz für den Seehandel, Stadt und Kirche wurden gegründet. Vorbei an der gotischen Backsteinkirche und dem alten Salzspeicher führt der Weg an den Hafen. Riesige Silos recken sich in den Himmel, Kutter liegen im Hafen. Aus den Fenstern der Fischereigaststätte fließt warmes Licht und lockt zum Mahl.
Die letzten Meter auf dieser Etappe des Mönchsweges führen durch die Dünen. Karges Gras weht im Wind. Die Schritte versinken im Sand, still und in einem samtenen Blau liegt die Ostsee, Kormorane sitzen auf den Steinen der Buhne und trocknen ihr Gefieder. Müde schwappt das kleine Meer auf sein Ufer. Was dahinter kommt, das wussten sie nicht. Sie fuhren einst los, und sie wussten nicht wohin. Der Wind trägt leisen Glockenschlag in die beginnende Nacht. Orientierung auf diesem Weg, wie immer schon seit die Mönche diesen Weg durch Ostholstein nahmen. (red)


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