Reporter Eutin

Gegen alte Muster und starre Strukturen

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Foto: A. Jabs

Eutin (aj). Dieser Runde geht der Gesprächsstoff nicht aus: 2007 haben sich Eutiner Frauen aus verschiedenen Institutionen zur Frauenrunde vernetzt: „Unser Ziel war und ist es, frauenpolitische Themen zu beleuchten“, sagt Sybille Rohowsky. Sie leitet das Frauenhaus Ostholstein in Eutin. Wie sie gehört auch Gabriele Appel von Anfang zur Eutiner Frauenrunde, sie vertritt den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Außerdem ist Silke Meints als Gleichstellungsbeauftragte des Kreises dabei, genau wie Simone Bruhn, die die Familienbildungsstätte führt, und Astrid Faehling vom Evangelischen Frauenwerk Ostholstein. Brigitte Schmidt war früher Vorstandsmitglied der Landfrauen, heute vertritt sie als Beauftragte der Stadt die Interessen von Senior*innen und Menschen mit Behinderungen. Und als solche ist sie gleich mitten im Thema: Behindertengerechte Toiletten soll es in Eutin geben: „Es wird höchste Zeit“, meint die Eutinerin nachdrücklich. Zustimmung in der Runde, die sich im Garten am frischen Wasser getroffen hat, unter anderem, um letzte Details für das Eutiner Frauenfrühstück abzusprechen. Am 11. Juni um 10 Uhr ist der Tisch in der Alten Straßenmeisterei für 30 Frauen gedeckt, außer einem guten Frühstück steht ein Vortrag auf der Karte. Thema sind Eutinerinnen, die in der Vergangenheit der Stadt gewirkt haben und trotzdem eher am Rande der öffentlichen Wahrnehmung ihren Platz zugewiesen bekommen haben – bestenfalls. Mit Regine Jepp wird eine kundige und sehr präsente Frau ihnen Aufmerksamkeit verschaffen. Karten gibt es bei der Tourist Information am Markt, der Eintritt beträgt inklusive Büffet 10 Euro.
Wie wichtig der persönliche Kontakt und der Austausch gerade vor dem Hintergrund der Erfahrung der coronabedingten Isolation ist, erleben die Mitglieder der Frauenrunde auch in ihrem jeweiligen Umfeld. Und ihre Antwort auf die Frage, ob Politik und Gesellschaft die Situation der Frauen in der Pandemie ausreichend im Blick hatten, fällt eindeutig aus: „Eben nicht!“, sagt Gabriele Appel energisch. „Wir sind in alte Muster verfallen“, so ihre Beobachtung. Gewalt in der Partnerschaft, finanzielle Notlagen, Schwierigkeiten beim (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben – die Multiproblemlagen, mit denen es die Beraterinnen beim SkF häufig zu tun haben, haben sich verstärkt. Silke Meints berichtet von der Zunahme ambulanter Geburten während der Corona-Zeit: „Viele Frauen haben sich entschieden, ambulant zu entbinden, weil sie nicht allein in die Klinik wollten.“ Die Erschöpfung vieler Familien sei riesengroß gewesen, gerade junge Eltern hätten das nicht in jedem Fall verkraftet. Hilfsangebote wie die Frühen Hilfen der Familienbildungsstätte konnten nicht greifen: „Auch unser Besuchsdienst auf der Wochenstation war nicht möglich“, erklärt Simone Bruhn. Für das Frauenhaus bedeutete Corona zunächst einmal mehr Kosten und mehr Aufwand – ohne ein Mehr an Mitteln: „Wir haben ein Hygienekonzept erstellt, Bereiche abgetrennt, dafür an Schulungen teilgenommen“, berichtet Sybille Rohowsky. Dank einer Spende der Sparkassenstiftung wurde zumindest die Anschaffung von Corona-Tests erleichtert. Bei vielen Frauen in Notlagen sei während der Hochzeit der Pandemie die Verunsicherung so groß gewesen: „Sie standen vor der Entscheidung: Gehe ich jetzt in eine Einrichtung oder halte ich noch ein bisschen aus?“, erzählt Rohowsky. Die Nachfrage nach Corona-Tests für das Frauenhaus bei den zuständigen Stellen im Land hatte übrigens die Antwort erbracht, es gebe doch Testzentren. Es ist diese Haltung zu Frauenthemen, die die Frauenrunde auch 15 Jahre nach dem ersten Treffen unverzichtbar macht. Bis heute sind es vorwiegend die Mütter, die sich wegen Erziehungsberatungen in der Familienbildungsstätte melden: „Und sie kommen auch, wenn eigentlich die Väter das Problem haben“, schildert Simone Bruhn. Ziel der Frauenrunde ist auch, für das immer noch bestehende Ungleichgewicht ein Bewusstsein zu schaffen, einen politischen Widerhall zu finden und Emanzipation in dem Sinn umzusetzen, dass vermeintliche Frauenthemen das Gewicht erhalten, das sie ihnen innewohnt. Ein Gremium, in dem dafür gearbeitet wird, ist der Gleichstellungsbeirat des Kreises. Aktuell beschäftigt man sich dort unter anderem mit den Arbeitsbedingungen für Hebammen: „Damit es mehr werden“, sagt Silke Meints. Familie und Kinder sind natürlich (!) nicht die einzigen Punkte, dass sie so oft genannt werden, spiegelt wider, wie die Rollen und damit die Belastung nach wie vor häufig verteilt sind. Aber auch, wenn Kinderbetreuung und Arbeit kein Thema mehr sind, gibt es viel, was besprochen und verbessert werden muss. Altersarmut ist nur einer von vielen Punkten. Und auch für die Frauen 60 hat Corona das Leben schwerer gemacht: „Einsamkeit war hier ein großes Thema, es fiel ja alles flach“, stellt Brigitte Schmidt-Künzel fest. Dass es gelingen kann, auch unter schwierigen Umständen gegenzusteuern, ist eine Erfahrung, die Astrid Faehling einbringt: „Bei unseren Angeboten sind auch Seniorinnen online gewesen“, merkt sie an. Mit der Bandbreite der beteiligten Akteurinnen erreicht die Frauenrunde Frauen in vielen unterschiedlichen Lebenslagen, kann sich ein vielschichtiges Bild von Frauenleben und Frauenalltag machen - und das ist die Stärke dieses Bundes, den die damalige Gleichstellungsbeauftragte Gudrun Dietrich initiiert hat. Seit Jahresbeginn hat Sarah Fatum das Amt inne. Auch sie stößt an diesem Vormittag zur Frauenrunde dazu. Bis auf den Frauennotruf ist die Gruppe damit komplett und kann sich an die Planung künftiger gemeinsamer Aktivitäten machen. Gut so, denn es gibt jede Menge zu tun.


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