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„Ich wollte Schule immer gestalten, nicht nur verwalten“

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Nach zehn Jahren geht Carsten Ingwertsen-Martensen, der Leiter der Beruflichen Schulen des Kreises Ostholstein, zum 31. Juli in Ruhestand.

Nach zehn Jahren geht Carsten Ingwertsen-Martensen, der Leiter der Beruflichen Schulen des Kreises Ostholstein, zum 31. Juli in Ruhestand.

Foto: E. Dörrhöfer

Eutin (ed). „Ich weiß es noch genau“, erinnert sich Carsten Ingwertsen-Martensen, „an einem heißen Junitag 2011 war hier Schulleiterwahl. Und zum 1. August 2011 habe ich angefangen.“ Heiße Junitage haben wir in diesem Jahr auch wieder – und Schulleiterwahl, denn der Mann mit dem Zungenbrechernamen, der nun zehn Jahre lang Schulleiter der Beruflichen Schulen des Kreises Ostholstein war, geht zum 31. Juli in den Ruhestand. Freundlich, aufgeschlossen und loyal, leidenschaftlich für die berufliche Bildung junger Menschen kämpfend und immer mit dem Herzen dabei hat er viel bewegt.
Dabei wollte der gebürtige Kieler eigentlich Sozialversicherungsfachangestellter (SoVa) mit Fachrichtung Krankenversicherung werden, hatte dafür bei der AOK Kiel angeheuert und saß in der Berufsschule in Wahlstedt. „Mir ging es nicht anders als vielen Jugendlichen, die nicht so genau wissen, was sie werden wollen, vieles versuchen und irgendwo landen“, erzählt Carsten Ingwertsen-Martensen, „dann hat mein WiPo-Lehrer Karlheinz Horn mir von einem neuen Studiengang, dem Diplom-Handelslehrer erzählt. Und ich habe mich gefragt: Willst Du das hier bis zu Deiner Pension machen? Nö. Bis zum Wintersemester habe ich weitergearbeitet und dann mit dem Studium angefangen.“ Eine Kombination aus Wirtschaft und Geschichte, total gegensätzlich, was ihn natürlich fasziniert habe. Überhaupt: Über den Tellerrand hinaus zu blicken, das hat ihn schon immer ausgezeichnet. Neben dem Referendariat in Flensburg und auch später als Lehrer in Bad Segeberg hat er als Freier Mitarbeiter für Tageszeitungen gearbeitet – denn die Berufsschule in Wahlstedt fragte ihren früheren Schüler natürlich als Lehrkraft an. Denn als sein Referendariat sich dem Ende näherte, fragte seine frühere Berufsschule nach ihm – und auch wenn seine Frau, die er eben dort kennengelernt hatte, sagte „um Gottes Willen, Wahlstedt!“, zog er doch mit seiner kleinen Familie, sein Sohn war ein Jahr zuvor geboren, nach Segeberg und unterrichtete dort seine „SoVas“. Weil in diesem Job auch Kundenorientiertheit und Kommunikationsfähigkeit nicht schaden, schrieb er mit seinen Kollegen einen Lehrplan dafür und schickte ihn ans Bildungsministerium. „Und so bin ich ins Bildungsministerium gerutscht“, lacht er, „zuerst teilweise, dann ganz, und habe erlebt, wie Bildungspolitik auf Landesebene gemacht wird.“ So kennt Carsten Ingwertsen-Martensen Bildung von allen Seiten, auf allen Ebenen – zuerst als Berufsschüler, dann als Berufsschullehrer, als einer, der Rahmenbedingungen und dann auch Bildungspolitik mitgestaltet. Nach drei Jahren als Schulaufsicht übernahm er die Stelle des kommissarischen Schulleiters an einer kaufmännischen Berufsschule in Kiel. Hier habe er von der Schulleiterstelle gehört, die demnächst in Eutin frei werden würde, bewarb sich und der Rest ist Geschichte.
Sein Entertainer-Gen habe ihm immer bei der Arbeit geholfen, ob im Unterricht oder bei einer Sitzung, was er sagt, wird gehört – weil er nicht den Oberexperten gibt sondern überzeugt und für Menschen da ist, zuhört. „Ich habe immer gesagt, dass ich nie Schulleiter werden will, weil nur Verwaltung nichts für mich ist“, erzählt Carsten Ingewertsen-Martensen schmunzelnd. „ich wollte Schule immer gestalten, nicht nur verwalten. Aber Schulleiter können gestalten, das habe ich schnell festgestellt.“ Wenn sie es wollen – und dieser Schulleiter wollte und konnte es immer. „Es geht darum, das Beste für seine SchülerInnen herauszuholen, und das ist nicht so weit vom Lehrerberuf entfernt.“ Denn das seine Lehrkräfte genau das jeden Tag tun, darauf ist er stolz: „Wir haben ein absolut warmherziges, offenes und zugewandtes Kollegium, ob Lehrkräfte oder im Unterstützungssystem, das übrigens wirklich toll ist“, strahlt er, „Leute, die neu zu uns kommen, sagen: „Hier stehen mir alle Türen offen, jeder hilft“, und das ist wichtig: Dass alle miteinander auskommen und für die SchülerInnen brennen.“ Dass das allerdings möglich ist, liegt auch am Schulleiter, der voll und ganz für sein Team da ist und hinter ihm steht: „Freiräume sind wichtig. Ich habe meine Lehrkräfte immer ermuntert und gelassen, und das geben sie an die SchülerInnen weiter.“
Damals, 2015, als Begriffe wie DaZ-Klasse so richtig auftauchten, als die ersten jungen Menschen mit Fluchterfahrung und Deutschkenntnissen, die erst aufgebaut werden mussten, auch eine berufliche Zukunft brauchten, ergriff sein Kollegium die Initiative mit zusätzlichem Deutschunterricht, mit Unterstützung aller Art und machte es wie allen anderen SchülerInnen auch den Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan, Iran oder dem Irak, aus Armenien oder Eritrea möglich, bestens gerüstet ins berufliche Leben zu starten. Und weil es damals im Umfeld der Schule zu rassistischen Äußerungen und Vorfällen kam, haben er, seine Lehrkräfte und die SchülerInnen kurzerhand aus der Berufsschule eine „Schule ohne Rassismus“ gemacht.
Wie das so ist bei Menschen, die ihren Job lieben: In den Ruhestand geht Carsten Ingwertsen-Martensen mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Die letzten eineinhalb Jahre waren kräftezehrend“, sagt er, „denn gerade in der CoronaZeit ist die berufliche Bildung immer hintenunter gefallen. Die Ministerin hat immer vom Abitur gesprochen, aber wir haben hier so viele andere Prüfungen, die auch prägend sind. Ich wünsche mir, dass die berufliche Bildung mehr wahrgenommen wird. Die Berufsschulen im Land versuchen, für 90.000 SchülerInnen das Beste herauszuholen, das aber gelingt nur bedingt, weil die Allgemeinbildung immer mehr im Fokus steht.“ Umso wichtiger sei es, diese berufliche Bildung, für die unser Land so bewundert wird, gerade im ländlichen Raum die Angebote für junge Menschen dauerhaft zu erhalten.
So werde er die Bildungspolitik sicher weiter verfolgen, sich aber nicht einmischen – seine KollegInnen werde er vermissen, sagt er, „aber sie sind ja nicht aus der Welt.“ Und auf eines freut er sich besonders: „Ausschlafen“, lacht er, „dieses frühe Aufstehen ist nicht meins. Gemütlich Zeitung lesen und frühstücken, das wird toll.“ Und dann mit den E-Bikes endlich mal Ostholstein erkunden, ein bisschen fotografieren (wir freuen uns auf tolle Fotos von Ihnen!), ausgiebig Konzerte gucken, ein bisschen reisen, „lauter sowas. einfach die Zeit genießen, die wir bisher nicht hatten.“
Seinen SchülerInnen wünscht er, dass sie offen bleiben für Veränderungen, dass sie über die Fachkompetenz hinaus mit Menschen und Situationen umgehen und über den Tellerrand hinaus blicken können. „Fachliche Kompetenz ist wichtig, wichtiger ist es aber, den Menschen im Auge zu behalten.“


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