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Reden hilft – Schweigen auch

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An jedem ersten Donnerstag im Monat trifft sich die Selbsthilfegruppe „Hoffnungsschimmer“ in Fissau.

An jedem ersten Donnerstag im Monat trifft sich die Selbsthilfegruppe „Hoffnungsschimmer“ in Fissau.

Foto: A. Jabs

Eutin (aj). Vielleicht ist das das Schlimmste: Das Gefühl, dem Krebs wie einem übermächtigen Gegner ausgeliefert zu sein. Allein - denn die anderen, die Freundinnen, die Familie, die Kollegen haben keinen Krebs. Und vielleicht ist deshalb der Trost so heilsam, wenn man erlebt: Man ist eben doch nicht allein. Nicht mit der Todesangst, nicht mit der Wut, nicht mit den Schmerzen: „Hier muss ich nichts erklären“, sagt eine. Sie hat an diesem Tag Grund zur Freude. Ihr Antrag auf Erwerbsminderungsrente ist bewilligt worden und darauf stoßen die zehn Frauen, die sich an diesem ersten Mai-Donnerstag im Fissauer Gemeindehaus getroffen haben, an. Der Sekt perlt in den Pappbechern, alle freuen sich mit, denn sie wissen, wie wichtig dieses Stückchen Sicherheit ist. Dass nichts mehr normal ist, wenn die Diagnose Krebs lautet, diese Erfahrung verbindet sie alle. Und sie können nachfühlen, wie wichtig gerade deshalb jedes kleine Stückchen Normalität ist. Eine von ihnen würde gern arbeiten, aber es ist schwierig, einen Teilzeitjob zu finden: „Warte ab, da läuft dir noch jemand über den Weg“, sagen die anderen. Der Zuspruch tut gut. In dieser Runde ist kein Thema zu banal - und keine Erfahrung zu schmerzhaft, um besprochen zu werden. Da ist die alte Arbeitstasche von 2019, erst jetzt hat die Kraft gereicht, sie auszupacken, erzählt eine Frau. „Bei mir stehen noch 19 Jahre Büro in einem Karton in der Ecke“, meint eine andere. 19 Jahre, die mit der Krankheit ein schlimmes, unfreiwilliges Ende gefunden haben. Ganz still wird es im Raum, alle hier kennen das Gefühl, die vielen Abschiede, das „Nie wieder wie vorher“. Und sie halten den Schmerz gemeinsam aus. Damit Luft bleibt für das Schöne, für das Leben: „Ich habe einen Anprobetermin für mein Hochzeitskleid“, dieser Satz sprudelt wie ein Freudenquell. Sofort wird gelächelt, gefragt, geneckt.

 


Der Schwung der Nachricht trägt die Gruppe zur nächsten Unternehmung: Am 2. Juni wollen sie am Lauf des Lebens teilnehmen, Spenden sammeln für Krebskranke. Alle sollen dabei sein: Ob man läuft, joggt, geht oder die Taschen bewacht - ganz egal. Jede macht, was sie kann und jede ist Teil des Teams. Das ist Programm in dieser Selbsthilfegruppe. Das spüren diejenigen, die zum ersten Mal kommen. Der Zeitpunkt für den Besuch ist auch so eine ganz persönliche Sache: Wann geht man in eine Selbsthilfegruppe? „Ich dachte lange, ich schaffe das allein. Dann ging es nicht mehr“, lautet eine Antwort. Eine andere Frau hat gleich nach der Diagnose den Kontakt gebraucht. Und eine berichtet von ihrem Mann, der nicht verstehen kann, warum sie diesen Austausch sucht: „Er sagt: Das ist doch schon so lange her und es ist doch alles gut.“ Nicken in der Runde. Sie sind sich einig: „Das Gute hier ist, dass man keine Rücksicht nehmen muss, nicht mitzudenken braucht für die anderen.“ Stattdessen gibt es praktische Tipps: Zu Medikamenten, Ansprechpartnern, Sportgruppen. Und wenn eine von ihnen sagt, am Empfang in der Klinik in Lübeck säße eine „Eisente“, wissen alle, was gemeint ist. Keine Frage, hier kommen sich Menschen nah, die sich ohne den Krebs vermutlich nicht so intensiv begegnet wären. Darin liegt eine große Chance: Auch für die Angehörigen. Es ist nicht lange her, da war eine Frau mit ihrem Sohn da. Der Achtzehnjährige hat seine Scheu überwunden, aus Liebe zur Mutter: „Ich verstehe dich nicht mehr, aber ich möchte dich verstehen.“ Wieder Stille. Alle hier haben Familie, Menschen, die sich um sie sorgen. Und alle haben in der Krankheit neue Seiten von sich kennengelernt. Sie geben sich gegenseitig Kraft. „Und auch wenn es heute so aussieht: Wir sind keine Frauengruppe, Männer sind herzlich willkommen“, betont Sibylle Latza. Sie leitet die Gruppe, ihre Energie und ihr Humor bauen Brücken zu allen. Halt geben zu können, gibt Kraft, auch diese Erfahrung nehmen sie alle mit in den Alltag mit der Krankheit. Denn jede einzelne hat etwas zu geben, das den anderen helfen kann. Das kann ein Lächeln sein oder eine Telefonnummer. Manchmal genügt es schon, dass hier niemand zusammenzuckt bei dem Wort „Erhaltungstherapie“. Und auch wenn die Krankheit vieles verändert, es gibt immer einen lichten Punkt. Diese Gewissheit trägt die Gruppe im Namen. „Hoffnungsschimmer“ haben sie sich genannt.

 


Fester Treffpunkt ist an jedem ersten Donnerstag im Monat um 18 Uhr im Gemeindehaus in Fissau an der Martin-Luther-Kirche: „Wir sind dankbar, dass wir den Raum hier nutzen dürfen und wir freuen uns über jede und jeden, der zu stoßen mag“, sagt Sibylle Latza. Kontakt kann man hier aufnehmen: Sibylle Latza, Telefon: 04524-1351, Rena Menzel, Telefon: 0175-2032311 und über Email an hoffnungsschimmer-leuchtturm@web.de


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