Ireen Nussbaum

Menschen erzählen ihre Geschichte -Heinke Böttcher - ihr Weg, ihr Traum

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Neustadt. Es begab sich in der Zeit, in der die Menschen in Deutschland ein gemeinsames Ziel verfolgten - den Wiederaufbau des zerstörten Landes.
 
Nachdem ihr Vater ihr eine Friseurlehre verweigerte, wollte Heinke Böttcher, geborene Hillbrandt, den strengen Normen des Elternhauses und dem Heimatland entfliehen. Sie war ihrer Zeit voraus. Die kühne 18-Jährige besorgte sich die nötigen Unterlagen und beim Bruder ihrer Mutter, der bei Chicago lebte, die Bürgschaft, um in New York einreisen zu können. Als eine der ersten Frauen brach sie wagemutig auf in ein Abenteuer, dem sie sich erst bewusst wurde, als sie am 6. Oktober 1953 die MS Italien bestieg mit dem Ziel Freiheitsstatue. In der neuen Wahlheimat angekommen, holte ihr Onkel sie ab, bei dessen Familie die Emigrantin lebte, bis sie sechs Wochen später eine Beschäftigung als Hausangestellte fand und auszog. Nach kurzer Zeit begab sich Heidi, wie Heinke Böttcher in Amerika genannt wurde, erneut auf der Suche nach einer Anstellung, da sich das Familienoberhaupt von der blauäugigen, langbeinigen Blondine angezogen fühlte - mehr als es ihr und seiner Ehefrau lieb sein konnte. Sie schaltete eine kleine Annonce, auf der die Auswanderin knapp 80 Anfragen erhielt, denn „German Housekeepers“ genossen eine große Wertschätzung.
 
Ein Glücksfall führte Heinke Böttcher zu Familie Immermann, die mit ihren beiden Töchtern bei Chicago lebte. Dr. E. William Immermann war erfolgreicher Chirurg und Krankenhausleiter und Ehefrau Toni zählte ihrerseits zu den bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten der Stadt, die sich nebenbei gegen Kinderlähmung engagierte. Die junge Deutsche wurde wie ein Familienmitglied aufgenommen und in die faszinierende Welt der Amerikanischen „High Society“ eingeführt. Während sich die Menschen in Deutschland in den 50er nach Wohlstand, Ruhe und Frieden sehnten, lebte die gebürtige Neustädterin diesen Traum. Sie führte ein Leben wie eine Prinzessin. Es war für sie die schönste Zeit, wie die 83-Jährige im Gespräch mit dem reporter berichtete.
 
Während ihres Aufenthaltes in den USA hielt Heidi mit Wibrecht (auch Wibi genannt), ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann, stetigen Kontakt. Letztendlich stellte er sie vor die Wahl - Amerika oder Deutschland. Heinke Böttcher kehrte schließlich nach 20 Monaten zurück, mit einem Schatz voller Erinnerungen, den sie bis heute im Herzen trägt. Zurück im Heimatland schlug die Auswanderin einen „geordneten“ Lebensweg ein, der für sie die Handelsschule, eine Anstellung, Hochzeit, zwei Kinder, Wohnortwechsel und zu guter Letzt den Ruhestand vorsah. Sie hat ihren Schritt zurückzukommen nie bereut, doch die Sehnsucht nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist geblieben. Im Ruhestand wollte das Ehepaar seine Reiselust stillen und gemeinsame Zeit nachholen, die ihnen aufgrund des Geschäftslebens des Familienvaters oft nicht gegeben war. Wibi organisierte heimlich eine Afrikareise, um Heinkes Traum von Südafrika und Kenia zu erfüllen. Bald darauf erkrankte er schwer und verstarb 1997 im Alter von 64 Jahren. Fast ein halbes Jahrhundert sind sie gemeinsam durchs Leben geschritten, plötzlich hieß es für die Witwe alleine ihren Weg zugehen.
 
Ein Jahr später besuchte sie erstmals wieder ihre Verwandten in Amerika, besichtigte den Grand Canyon und die Niagarafälle und erfüllte sich damit zwei weitere lang gehegte Lebensträume. Es verging ein weiteres Jahr, bis die Rentnerin die Kraft hatte, die Südafrikareise anzutreten.
 
Heute sitzt Heinke Böttcher auf ihrem Sofa mit einem Fotoalbum im Schoß. Sie blättert in Erinnerungen und träumt von einer Nilkreuzfahrt mit einem Schaufeldampfer und nochmals Chicago zu besuchen, den Ort, an dem die 83-Jährige ihre schönsten Jahre verbrachte.
 
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