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Greenwashing vs. echter Naturschutz: Wann bewirkt nachhaltiges Reisen wirklich etwas?

Bild: Natürlich Reisen

Das Reisen steht seit vielen Jahren in der Kritik. Flugreisen belasten das Klima, sensible Ökosysteme geraten durch Besucherströme aus dem Gleichgewicht und unter dem großen Reiseaufkommen leiden die Ressourcen vor Ort. In der Bevölkerung wächst das Bewusstsein dafür, dass ein Urlaub nicht auf Kosten der Umwelt gehen sollte. Immer mehr Menschen suchen daher nach „grünen“ Alternativen und entscheiden sich bewusst für Ökotourismus-Angebote und nachhaltiges Reisen.

Doch nicht immer steckt hinter solchen Labels echter Natur- und Artenschutz. Zahlreiche Angebote schmücken sich mit dem Versprechen der Nachhaltigkeit, ohne dass vor Ort tatsächlich Arbeitsplätze geschaffen und Wildtiere geschützt werden. Doch woran lässt sich erkennen, ob hinter einem Reiseangebot nur Greenwashing steckt oder ein echter Beitrag zum Naturschutz geleistet wird?

Was versteht man unter natürlichem und nachhaltigem Reisen?

Wenn von „naturnahem“ oder „nachhaltigem Reisen“ die Rede ist, geht es im Kern um eine einfache Idee: Menschen wollen unterwegs Natur erleben, ohne ihr zu schaden. Landschaften, Wildtiere und Ressourcen sollen vor Ort respektvoll behandelt werden und die Erlebnisse möglichst wenig in das sensible Ökosystem eingreifen.

Hinzu kommt, dass Eintrittsgelder oder Einnahmen durch lokale Touren, Abgaben oder regionale Dienstleistungen vor Ort bleiben, um die jeweilige Region zu stärken. Sie können direkt in Schutzprojekte und die Pflege der Nationalparks fließen, um aktiv zum Erhalt der Natur beitragen.

Wie steht es um das Greenwashing im Tourismus?

Der Anspruch an natürliches Reisen ist klar: Die touristischen Angebote sollen die Natur erlebbar machen, ohne sie zu zerstören und im besten Fall zu ihrem Schutz beitragen. Das grüne Versprechen nutzen allerdings zunehmend Anbieter, die von dem Trend profitieren wollen, ohne dabei aber wirklich einen Beitrag zum Umweltschutz und dem Erhalt der lokalen Ökosysteme zu leisten.

In einer umfangreichen Meta-Studie von Natürlich Reisen zum Thema Tourismus und Artenschutz wurde auch das Greenwashing ausführlich beleuchtet. Die Analyse zeigt, dass Begriffe wie „naturnah“ oder „nachhaltig“ im Tourismus häufig uneinheitlich genutzt werden und zentrale Messkriterien fehlen. Zahlreiche Zertifizierungen basieren auf Selbstauskünften oder legen nur sehr vage Kriterien zugrunde, die nicht unabhängig kontrolliert werden. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass bestehende Öko-Labels nur begrenzt Wirkung entfalten, wenn es um den tatsächlichen Schutz von Arten und Lebensräumen geht.

Typische Greenwashing-Mechanismen im Tourismussektor sind unter anderem:

  • Unverbindliche Umweltclaims wie „naturnah“, „eco“ oder „grün“, die gar nicht transparent nachvollziehbar sind.

  • CO2-Kompensation ohne messbaren Nutzen, z. B. durch undurchsichtige Projekte oder fehlende Nachweise zur tatsächlichen Einsparung

  • Eigene „Haus-Labels“ von Hotels oder Reiseanbietern, die weder anerkannt noch extern geprüft werden

  • Fokus auf Einzelmaßnahmen wie etwa der Verzicht auf Plastikstrohhalme, während gleichzeitig an anderen Stellen viele Ressourcen verbraucht werden.

  • Marketing mit Teilaspekten, z. B. regionale Lebensmittel oder ein „grünes Anreise-Upgrade“, obwohl der Großteil der Reise weiterhin viele Emissionen erzeugt.

  • Nachhaltigkeitsversprechen ohne lokale Beteiligung, bei denen vor Ort weder Gemeinden profitieren noch Naturschutzprojekte unterstützt werden

Aus den Studienergebnissen geht hervor, dass die Vielzahl an Nachhaltigkeitslabels im Tourismus weder einheitlich noch vergleichbar ist. Für Reisende wird dadurch kaum erkennbar, welche Angebote tatsächlich nachhaltig sind und welche nur den Anschein erwecken.


Welche Auswirkungen hat Greenwashing auf den Tourismus?

Das Greenwashing bleibt nicht ohne Folgen – weder für die Natur noch für die Branche selbst. Die Forschung warnt beispielsweise vor einem wachsenden Vertrauensverlust. Wenn scheinbar „grüne“ Angebote in der Realität keine Wirkung mehr haben, dann sinkt die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche. Kurzfristig kann das Greenwashing zwar die gewünschte Nachfrage erzeugen, führt aber mittelfristig dazu, dass Reisende nachhaltige Konzepte grundsätzlich infrage stellen. Das betrifft besonders die Fälle, in denen mit einer CO2-Kompensation oder einem „Öko“-Versprechen geworben wird, ohne dass unabhängige Nachweise oder transparente Messkriterien als Basis genommen werden.

Die Konsequenz: Das Greenwashing untergräbt die Bereitschaft von Gästen, für echte Nachhaltigkeit mehr zu zahlen. Das schwächt diejenigen Anbieter, die tatsächlich konsequent handeln. Für einen wirksamen Natur- und Artenschutz ist das ein ernstzunehmendes Risiko.


Welche Maßnahmen können helfen, ein Greenwashing im Tourismus zu vermeiden?

Damit nachhaltige Reiseangebote wieder mehr Vertrauen gewinnen können, braucht es nach den Erkenntnissen der Meta-Studie klare Kriterien, unabhängige Prüfungen und eine transparente Kommunikation. In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Standards entwickelt, die genau diesem Missstand entgegenwirken sollen.

Als internationaler Referenzrahmen dafür gelten die Kriterien des Global Sustainable Tourism Council (GSTC). Sie definieren die Anforderungen an eine ökologische Verantwortung, an soziale Fairness und die wirtschaftliche Tragfähigkeit und dienen damit Destinationen sowie Unternehmen weltweit als Orientierung.

Ein wichtiger Baustein für mehr Glaubwürdigkeit besteht darin, Zertifizierung und Kontrolle voneinander zu trennen. Anbieter sollten nicht selbst festlegen dürfen, was „nachhaltig“ heißt – und anschließend auch noch selbst prüfen, ob sie diese Regeln erfüllen. Seriöse Siegel binden deshalb unabhängige Prüfstellen ein, die kontrollieren, ob die festgelegten Standards vor Ort tatsächlich umgesetzt werden. Erst dadurch kann ein Label wirklich glaubwürdig sein.

Ergänzend setzt der ISEAL-Leitfaden für glaubwürdige Nachhaltigkeitsaussagen Maßstäbe für die Kommunikation. Er fordert, dass Umweltversprechen nachvollziehbar, überprüfbar und belegt sein müssen.

Wo nachhaltiges Reisen an seine Grenzen stößt

So viel Potenzial nachhaltiger Tourismus auch bietet – die Forschung zeigt auch die zentralen Herausforderungen. Ein großes Problem liegt darin, dass viele Gebiete eine starke Abhängigkeit vom Tourismus haben. Fällt der Besucherstrom aus, geraten die Finanzierungsmodelle schnell ins Wanken. Das wurde insbesondere während der Pandemie deutlich: In zahlreichen Regionen brachen die Einnahmen weg, die Rangerstellen konnten nicht mehr finanziert werden und die Schutzmaßnahmen wurden eingeschränkt.

Selbst nachhaltig gedachte Angebote können die Umwelt belasten, wenn sie nicht konsequent gesteuert werden. Ein Beispiel ist der Gorillatourismus in Zentralafrika. Eigentlich soll ein Mindestabstand von sieben Metern dabei helfen, den Stress durch die Reisegruppen für die Tiere zu vermeiden und Krankheitsübertragungen zu verhindern. In der Praxis wird diese Regel jedoch laut einer Analyse in über 98 Prozent der Fälle unterschritten. Die Tiere geraten dadurch erheblich unter Stress und das Risiko für Infektionen und langfristigen Verhaltensänderungen steigt.

Auch durch eine neue erforderliche Infrastruktur, den zusätzlichen Verkehr oder den hohen Verbrauch der Ressourcen zum Beispiel durch Swimmingpools in Ländern, die ohnehin schon unter Wasserknappheit leiden, können sensible Lebensräume beeinträchtigen.

Die Wirkung von nachhaltigem Reisen hängt weniger vom Label ab als vom Management. Entscheidend ist, wie konsequent Regeln umgesetzt, Grenzen gesetzt und lokale Interessen eingebunden werden.

Fazit: Greenwashing vermeiden: Worauf es beim nachhaltigen Reisen wirklich ankommt

Nachhaltiger Tourismus ist pauschal weder ein Heilsbringer noch eine leere Worthülse. Er kann seine Wirkung entfalten, wenn die richtigen Voraussetzungen erfüllt sind. Naturerlebnisse dürfen nicht nur „grün verkauft“, sondern müssen verantwortungsvoll gestaltet werden. Nachhaltigkeit braucht klare Regeln, transparente Standards, unabhängige Kontrolle und eine echte Beteiligung der Menschen vor Ort.

Für Reisende bedeutet das: Nicht jedes Angebot, das als „eco“, „green“ oder „naturnah“ ausgewiesen wird, ist automatisch glaubwürdig. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und seine Entscheidung nicht nur anhand von Werbeversprechen zu treffen.

 


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