Reporter Eutin

„Preetzer Stadtgeschichte zum Anfassen“

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Preetz (los). Teilungen, Trennungen, Zusammenführungen und neue Grenzen: Die „Einheit“ ist thematischer Ausgangspunkt einer historischen Friedhofsführung mit Anne Kathrin Kalb und Friedhofsverwalter Detlef Beisner am Montag, 3. Oktober um 14 Uhr an der Preetzer Kapelle auf dem Friedhofsdamm 14. Heruntergebrochen auf die Schusterstadt und ihre Einbindung in überregionale Veränderungen, erwartet die Teilnehmer ein informativer Rundgang entlang alter Gräber und Gedenksteine mit unmittelbarem Zugang zu geschichtsträchtigen Ereignissen. Die Teilnahme an der Friedhofsführung erfolgt ohne Anmeldung und ist kostenfrei. Sie beginnt in der Friedhofsallee hinter der Kapelle, dem „Weg der Zeitzeugen“. 13 „Kampfgenossen“ die beim Schleswig-Holsteinischen Aufstand (1846-51) gefallen waren, will Anne Kathrin Kalb einen Besuch abstatten. Die Männer hatten im Preetzer Lazarett ihr Leben gelassen.
Der Gedenkstein für sie wurde allerdings erst 1873 aufgestellt.
Preetz war 1873 als Stadt erst drei Jahre jung. Zuvor war der „Flecken“ viele Jahrhunderte dem Kloster Preetz unterstellt. Es übte die Gerichtsbarkeit und Verwaltung aus.
Das Preetzer Rathaus verkörpert prägnant ein Stück Stadtgeschichte, die als solche für Preetz erst 1870 mit der Verleihung der Stadtrechte begann. Am 1. Juli des Jahres 1872 konnten das neue Preetzer Gericht sowie die erste klosterunabhängige Verwaltung in den damaligen Neubau einziehen. Auch der Bahnhof an der 1866 in Betrieb genommenen Eisenbahnlinie Kiel-Ascheberg war neu.
Den zuvor vom Kloster verwalteten Preetzern war ihr Rathaus zunächst als „Stadthaus“ geläufig.
Preetz fand sich 1867 nach zwei kriegerischen Auseinandersetzungen (Deutsch-Dänischer Krieg 1864 und Deutscher Krieg 1866) in der neuen Preußischen Provinz wieder, in der die ehemaligen Herzogtümer Schleswig und Holstein aufgelöst waren. „Im Frieden von Wien verlor der dänische König 1864 zunächst beide Herzogtümer“, präzisiert Anne Kathrin Kalb. So fiel Schleswig an Preußen, Holstein jedoch an Österreich. Zwei Jahre darauf war Holstein nach dem Deutschen Krieg 1866, der mit dem Frieden von Prag endete, ebenfalls preußisch.
Die Vereinnahmung der Herzogtümer durch Preußen - eine Annexion. Denn Schleswig-Holstein war dänisch. Dies unterstrich der Ripener Vertrag von 1460.
Auf Grundlage dieses Ripener Privilegs gab es seit 1462 gemeinsame Landtage der Stände von Schleswig und Holstein - der Vorläufer des Kieler Landtags ist bereits 560 Jahre alt.
Es ging um Macht und Einfluss vor Ort: Die Urkunden von 1460 dienten dazu, die bestehenden Rechte des Adels in Schleswig und Holstein nicht nur zu bestätigen, sondern sogar auszuweiten. Das Ziel: mehr Eigenständigkeit gegenüber der dänischen Krone und möglichst viel Unabhängigkeit. So ist darin auch formuliert worden, ein neuer dänischer König müsse sich seine Herrschaft über Schleswig und Holstein jeweils bestätigen lassen. Dem Adel gelang ein Schachzug zugunsten seiner eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen.
Der Ripener Urkunden Wortlaut „dat se bliven ewich tosamede ungedelt“, der als eine Art Landfriedensformel gilt, ist nach Angaben der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (ZSHG) im 19. Jahrhundert auf den Kernsatz „up ewig ungedeelt“ reduziert, in territorialen Zusammenhang gebracht und die Unteilbarkeit der Herzogtümer Schleswig und Holstein auf Basis dieses Motivs neu gedeutet worden (Jahnke, ZSHG Band 128, 2003).
Für diese Idee schleswig-holsteinischer Eigenständigkeit sind die 13 „Kampfgenossen“ um 1850 schwer verwundet gestorben. Die Umstände ihres Lebensendes sind grauenvoll.
Stadtarchivar Peter Pauselius hat die 13 im Lazarett verstorbenen Opfer der Deutsch-Dänischen Auseinandersetzungen von 1848 bis 1851 im vergangenen Jahr auf einer Kirchenliste namentlich identifizieren können. Die verstorbenen „Kampfgenossen“ erlagen ihren Kriegsverletzungen oder nahmen sich ihretwegen sogar das Leben – wirksame Schmerzbehandlungen waren damals rudimentär, Lazarette kaum mehr als eine Aufbewahrungsstätte in einer Art Wohnhaus...
Seit 2013 hat die Reservistenkameradschaft Preetz eine Patenschaft für die Pflege der Gedenkstätte übernommen. Eine Infotafel für die bislang namenlosen 13 „Kampfgenossen“ wird derzeit vorbereitet.
Am „Weg der Zeitzeugen“ finden sich auch Grabsteine der Preetzer Prominenz. Der Grabstätte der Reventlows stattet Anne-Kathrin Kalb bei ihren Führungen gern einen Besuch ab. Der Name verbindet sich mit den 13 Gefallenen und der Umdeutung „up ewig ungedeelt“: Friedrich Graf Reventlow war einer der Anführer der besagten Schleswig-Holsteinischen Erhebung Mitte des 19. Jahrhunderts, in der die neuen nationalen Tendenzen sichtbar werden. Und er war von Dänemark aus diesem Grund außer Landes verwiesen worden.
Fanny von Reventlow, die bis 1866 Obergouvernante des späteren Kaisers Wilhelm II war, in dessen Zeit sich die neuen nationalistischen Tendenzen verstärkten, hat ebenfalls in Preetz Spuren hinterlassen: Das von ihrem Bruder errichtete „Fanny Stift“, der heutige städtische Kinderhort, trug früher ihren Namen.
Über Gefallene und Verstorbene, die sich in der Schusterstadt einen Namen gemacht haben, weiß Anne-Kathrin Kalb viel zu erzählen, einschließlich zahlreicher überraschender Verknüpfungen und einer Reihe kurzweiliger Anekdoten, die der Veranstaltung den besonderen Pfiff geben. Zu ihnen zählt am „Weg der Zeitzeugen“ Arthur Götting, dessen Eltern dort bestattet sind – er selbst starb 1975 in Göttingen.
Götting hinterließ Spuren: An der Handwerks- und Kunstgewerbeschule Kiel tätig, gestaltete er den Schlussstein über der Eingangstür der städtischen Gasanstalt in der Gasstraße. Sein Motiv: Das Preetzer Wappen. „Das erhielt die Stadt erst 1878“, berichtet Anne Kathrin Kalb. Doch „verwaltungstechnisch“ sei erst 1987 eine Genehmigung erfolgt.
Die Auftragsvergabe für den Schlussstein könnte buchstäblich naheliegend gewesen sein: „Seine Eltern hatten gegenüber den Stadtwerken eine Wirtschaft, also hatte Arthur Götting das Haus immer vor sich“, vermutet Anne Kathrin Kalb. Darüber habe Götting, Jahrgang 1899, mit seinem Kollegen Otto Kähler das Notgeld 1921 gestaltet“, berichtet sie. Die Inflation hatte massive Auswirkungen, auch in Preetz.
Ebenso habe sich Götting mit der Schleswig-Holsteinischen Erhebung befasst. So gestaltete er den „Gefion-Brunnen“ im Kurpark von Eckernförde, der eine Keramiknachbildung der Galionsfigur des dänischen Schiffes Gefion zeigt. „Dieses hatten die Holsteiner 1848 schwer beschädigt und erobert“, erzählt Anne Kathrin Kalb. Die hölzerne Original-Galionsfigur ist im Eckernförder Bürgerhaus ausgestellt.
Wie bei jeder Friedhofsführung sind Besuche ganz bestimmter Gräber obligatorisch: Hierzu zählt insbesondere die zentral angelegte Grabstätte des Stifters des Friedhofs, des Apothekers Gotthilf Pabst, der sich seinerzeit für den neuen Gottesacker fernab der Stadtkirche eingesetzt hatte, um die herum der Platz für Bestattungen nicht mehr ausreichte.
Der Alte Friedhof wurde 1835 eröffnet und ist der einzige Friedhof mit eigener Schrankenanlage: Die war notwendig geworden, als die Eisenbahnlinie Kiel-Plön 1866 errichtet wurde. Deren Streckenverlauf wurde haarscharf am Friedhofsgelände vorbei geführt und kreuzte den Hauptweg kurz vor der Friedhofskapelle.


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