Marlies Henke

Mit Interview: Burghard Pieske – Weltumsegler, Abenteurer, Wikinger

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Neustadt in Holstein. Ob Binnenwasser, Hafen oder die Weltmeere: Burghard Pieske, Jahrgang 1944, ist mit allen Süß- und Salzwassern gewaschen. Unser Interviewpartner hat die Welt umsegelt und spektakuläre Expeditionen in die Anfänge der Seefahrt unternommen. 10 Jahre seiner Kindheit verbrachte er in Neustadt, dem Ort, der ihn maßgeblich für seinen weiteren Weg geprägt hat, wie Burghard Pieske heute sagt.

 

Nach der Flucht seiner Familie aus Pommern nach Schleswig-Holstein kam Burghard Pieske als Fünfjähriger nach Neustadt, wo er die Aufbaujahre und seine ersten kleinen seemännischen Abenteuer erlebte. Sein Vater, Stadtverordneter und Kunsterzieher an der Realschule, gestaltete die ersten Plakate zur Trachtenwoche, heute europäisches folkore festival. Die Mutter, Professorin der Kunstgeschichte, engagierte sich im Schulverein.

 

Schon als Junge entwarf und bastelte Burghard Pieske Schiffsmodelle. Als 15-Jähriger nahm er mit einem Freund Kurs auf seinen ersten waghalsigen Törn und segelte mit einem Folke Junior durchs Kattegat nach Schweden – Pfadfinderkompass am Handgelenk und den Shell-Atlas als Seekarte.

 

Mit 16 ging er zur Handelsmarine und erwarb später das Kapitänspatent. Pieske studierte Geografie und Pädagogik, wurde Lehrer. Das Beamtendasein hängte er nach sechs Jahren allerdings an den Nagel, um mit seinem selbstgebauten Katamaran „Shangri-La“ zehn Jahre lang die Welt zu umsegeln. Danach folgte er den Routen der Wikinger in dem Originalnachbau eines Wikingerboot, der "Wiking Saga“ über den Atlantik von Norwegen, Island und Grönland bis nach New York.

 

Sein härtestes Abenteuer von 5.000 Seemeilen startete er 1998 allein von Tonga in einer nur sieben Meter langen offenen Schaluppe, dem Beiboot der legendären Bounty. Monatelang vollzog er dabei nach, wie der nach der Meuterei auf der Bounty ausgesetzte Captain Bligh über den Pazifik segelte.

 

Seit 2005 rudert und segelt Burghard Pieske mit sozial ausgegrenzten Jugendlichen auf historische Wikingerrouten.

 

Seine Abenteuer hat er in zahlreichen Büchern veröffentlicht, in „Seewärts - Biographische Skizzen eines Weltumseglers“ erzählt er Geschichten aus seiner Kindheit. Das Buch ist vergriffen, einen Restbestand gibt es noch in der Buchhandlung „Buchstabe in der Hochtorstraße 2" sowie beim Autor unter www.burghard-pieske.com. (he)

 

"Du hast eine Idee? Dann mach es!"

Ein Interview mit Burghard Pieske

 

Ideen und Träume haben viele Menschen, meistens fehlt es an der Umsetzung. Was braucht es, um ein Abenteuer Wirklichkeit werden zu lassen?

 

Burghard Pieske: Eine Kindheit in Neustadt. Ich hatte eine Nachkriegskindheit, wie sie viele erlebt haben. Ich trug die geflickten Sachen von meinen Brüdern auf, verdiente mir mit 12 Jahren das Geld für mein erstes Fahrrad ... und so weiter. Durch die entbehrungsreiche Zeit, die durch Verzicht und Bescheidenheit geprägt war, mussten wir uns alles selbst erringen. Aber es war ein Leben in Freiheit und, zumindest an den Nachmittagen, weitgehend selbstbestimmt: Ich kam nach Hause, warf die Schultasche in die Ecke, aß kurz und weg war ich. Kaum einer wusste, wo ich war. Abends kam ich dreckig und zerschunden wieder von den Abenteuern am Binnenwasser, an der Burg oder Kremper Au. Ich hatte immer Ideen die ich umsetzen musste, wobei die Schule mehr ein Störfaktor war. Das Abitur schaffte ich durch Umwege trotzdem.

 

Das möchten wir genauer wissen. Welche Ideen waren das?

 

Burghard Pieske: Zum Beispiel habe ich mit einem Freund Teile vom Schrott mit Schlittschuhen zusammengeschraubt und daraus einen Eissegler fürs Binnenwasser gebaut. Das war zwar eine Krücke, aber wir haben das ohne fremde Hilfe geschafft. Ich habe aber auch echt Sachen im Grenzbereich von Legalität gemacht: schwarz geangelt, mit einem Freund Aalreusen geplündert – damit haben wir es sogar als ‚kleine Fischräuber‘ ins Neustädter Tageblatt geschafft. Unserem Nachbarn habe ich mit selbstgebauter Munition den Apfelbaum gesprengt. Als Pfadfinder klauten wir Kartoffeln vom Acker, machten ein Feuer und ließen sie uns schmecken. Wir waren ziemlich wild und konnten uns frei entwickeln. Was aber falsch oder richtig war, wussten wir genau. Meine ganze Kindheit war es so: Du hast eine Idee? Dann mach es! Aber verlass dich nicht auf die Hilfe anderer.

 

Und als Sie die Welt umsegeln wollten, haben Sie es dann auch gemacht. Sie waren damals verbeamtet und haben dafür Ihren sicheren Lehrerjob gekündigt.

 

Burghard Pieske: Ja, weil ich merkte, dass ich ein selbstbestimmtes Leben führen muss. Meine Geschichte in Neustadt hat sich bei meinen Abenteuern in größerem Maße wiederholt. Was das Binnenwasser war, habe ich projiziert auf den Atlantik und den Pazifik. Die Grundstrukturen wurden hier gelegt. Das hört sich jetzt an wie ein lokalpatriotisches Geschmetter, aber ich wäre weder Kapitän noch Abenteurer noch Weltumsegler geworden ohne Neustadt und ohne diese Zeit in den fünfziger Jahren. Diese Unabhängigkeit, die ich als Kind und Jugendlicher erfahren habe, hat sich durch mein ganzes Leben gezogen. Dieses Leben, frei von dem heutigen hemmungslosen Konsum. Damals konnte man anderen Schülern imponieren, indem man durchs Hafenbecken schwamm.

 

Heute arbeiten Sie mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Zieht da so etwas wie Knappheit und Bescheidenheit?

 

Burghard Pieske: Natürlich nicht. Ich will um Gottes willen die Jugendlichen, für die ich Verantwortung trage, nicht in diese Zeit zurückversetzen. Das wäre ein Rückruf aus der Vergangenheit. Auf der anderen Seite gab es damals eine klar umrissene Wertewelt, geprägt von Kameradschaft, kaum Neid und Missgunst – ich habe es jedenfalls so empfunden. Der Zusammenhalt der Aufbauphase, diese Menschlichkeit, die ich hier in Neustadt erfuhr, hat meine sozialen Aktivitäten nachhaltig beeinflusst. Durch meine Kindheit habe ich gelernt, was im Leben eigentlich wichtig ist. Und das versuche ich auch meinen Jugendlichen zu vermitteln.

 

Seit 2004 engagieren Sie sich ehrenamtlich bei dem gemeinnützigen Verein „Euro-Viking“ Worum geht es dabei?

 

Burghard Pieske: Kurz gesagt: Wir fahren unter dem Motto „Segeln statt saufen - Rudern statt raufen“ mit fünf Betreuern und 10 Jugendlichen aus ganz Europa drei Wochen lang in einem nachgebauten Wikingerschiff auf den alten, historisch belegten Wikingerrouten von der Ostsee bis ins Schwarze Meer, circa 3.000 Kilometer. Das Ganze ist eine Art Therapie für junge, sozial ausgegrenzte Menschen, von denen keiner einen Schulabschluss hat, dafür aber schlimme Kindheitserlebnisse von Missbrauch und Gewalt. Sie sind drogenabhängig, spielsüchtig und teilweise selber gewalttätig geworden. Diese Jugendlichen ohne Perspektive auf einen positiven Lebensweg zu führen ist unser Anliegen.

 

Diese Expeditionen haben vorwiegend in der Ukraine stattgefunden. Wie ist die Situation heute angesichts des Krieges?

 

Burghard Pieske: Euro-Viking ist durch den Krieg auf eine total andere Schiene geglitten. In unserem Bauernhaus in der Ukraine, einer Jugendbegegnungsstätte, sind jetzt Flüchtlinge untergebracht. Die Expeditionen auf dem Dnjepr und Nebenflüssen sind, solange es noch Kampfhandlungen gibt, abgesagt. Momentan arbeiten wir zeitlich und geografisch reduziert. Ein Euro-Viking-Team ist gerade unter dem Motto „Expedition Haithabu“ eine Woche lang mit Jugendlichen von Maasholm bis nach Tönning gefahren. Die richtige Maßnahme muss natürlich länger dauern, damit wir den einzelnen Jugendlichen individuell betreuen können.

Die Ukraine mit viel ursprünglicher Natur und unseren dortigen Freunden eignet sich besser, ist alternativlos. Wir dürfen dort Holz sammeln, Feuer machen, wild am Fluss campen – alles kein Problem. Die Expedition in der Wildnis erfordert aber auch mehr Disziplin von allen Teilnehmern. Wenn wir mit dem Schiff feststecken, müssen wir schon mal ins Wasser und es mit eigener Kraft von der Untiefe ziehen, sonst geht`s nicht weiter. Morgens um neun wird abgelegt und in die Hände gespuckt, damit wir das 50 Kilometer entfernte nächste Camp erreichen, das ein vorausfahrendes Begleitfahrzeug errichtet hat. Falls wir die Strecke nicht schaffen, gibt es nichts zu essen und die Nacht wird zitternd im Boot verbracht. Aber wir schaffen das!

 

Was wird den Jugendlichen so vermittelt?

 

Burghard Pieske: Sie bekommen zum ersten Mal eine Anerkennung, die sie so noch nie erlebt haben. Jeder bekommt, seinen Fähigkeiten entsprechend, eine Aufgabe zugeteilt. Wenn einer wie eine Eins gerudert hat, wird er am nächsten Tag der Schlagmann, nach dem sich die gesamte Mannschaft richten muss. Wenn sich einer geschickt beim Reparieren anstellt, bekommt der die Verantwortung für das gesamte Werkzeug. Ein anderer wird der Scout, der sagt, wo es lang geht. Das sind lauter kleine Impulse, die das Selbstbewusstsein stärken.

Wir theoretisieren also nicht, sondern wir arbeiten hart. Die Jugendlichen sind keine Klienten, sondern Expeditionsmitglieder. Die Betreuer rudern genau so mit wie alle anderen. Wir sitzen alle in einem Boot und schaffen etwas Einmaliges. Gemeinsam sind wir stark.

Hinzu kommt die Aufmerksamkeit, die wir erregen, wenn wir mit einem Wikingerschiff an einem Ort vorbeifahren: Die Leute winken und fotografieren uns. So etwas stärkt das Selbstwertgefühl. Wir werden auf  Feste eingeladen, die Jugendlichen werden als Abenteurer bewundert. Wir waren mehrmals im Fernsehen. Früher waren die Jugendlichen immer nur die Taugenichtse. Und hier merken sie, dass sie etwas Bedeutendes sind.

 

Welche Rolle spielen Sie dabei?

 

Burghard Pieske: Zum einen bin ich durch meine Erfahrungen der Katalysator zwischen den Jugendlichen und der Natur. Den Respekt bei den Jugendlichen muss ich mir allerdings erst einmal verdienen. Nur wenn sich Vertrauen aufgebaut hat kann ich Einfluss nehmen, und wir können gemeinsam anfangen, ihr Leben zurechtzubiegen. Ich will sie nicht belehren, nur fragen: Was hat dich geprägt? Was ist wichtig? Ich will ihnen vermitteln, dass es ihre eigene Leistung ist, wenn wir Erfolg haben: Ja, Leistung schafft Erfolg und Erfolg ergibt Anerkennung. Anerkennung macht selbstbewusst und ein gutes Selbstbewusstsein ist die Voraussetzung für sich und die Anderen Verantwortung zu übernehmen.

 

Der Alltag zuhause sieht für die Jugendlichen dann ja wahrscheinlich etwas anders aus als das Leben in der Wildnis. Wie nachhaltig ist so eine Expedition?

 

Burghard Pieske: Wir nehmen nur Leute mit, die ein unmittelbares Anschlussprojekt haben, zum Beispiel einen Praktikumsplatz. Das Ganze läuft über die Arge, das Jugendamt und Sozialisierungsprogramme. So haben wir von 75 Jugendlichen 26 in Arbeit gebracht, die alle auch ihren Hauptschulabschluss nachgeholt haben.

 

Welche Bedeutung hat diese Arbeit mit den Jugendlichen für Sie ganz persönlich?

 

Burghard Pieske: Meine einsame Pazifiküberquerung, meine ganzen Expeditionen sind eine Art Selbstfindung, vielleicht Selbstdarstellung, jedenfalls alles sehr auf mich bezogen, für die Gesellschaft absolut nutzlos. Aus diesem Abenteuerleben hat sich aber etwas entwickelt, was jetzt weiterreicht. Ich versuche die Erkenntnisse meines Lebens auf See zu extrahieren und sie in dieses Jugendprojekt zu stecken. Euro-Viking sehe ich als mein Lebenswerk. (he)

 


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