Simon Krüger

Warum ein Blick über den sportlichen Gartenzaun immer lohnt

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Deutschland, ein Fußballland. So, wie es in den allermeisten Staaten der Erde aussieht, verhält es sich auch bei uns: Fußball ist und bleibt der mit Abstand beliebteste Sport bei den Zuschauern live und im Fernsehen und ist auch derjenige, der am häufigsten aktiv von Bundesbürgern betrieben wird. Doch nicht nur in einer Zeit, die erzwungenermaßen davon geprägt ist, dass deutlich mehr Menschen als bislang ihre Zeit vor dem Fernseher und dem Computer verbringen, kann es sich durchaus lohnen, auch einmal seinen Blick in Richtung anderer Sportarten schweifen zu lassen - übrigens ganz gleich, ob man sich selbst ebenfalls zu den Fußballfans zählt oder eine andere Sportart besonders präferiert. Die Gründe? Die sind durchaus vielfältiger Natur.
 
1. Zu viel Routine ist niemals gut
Zugegeben, der Mensch ist aufgrund der Arbeitsweise seines Gehirns ein Lebewesen, das Routinen enorm zu schätzen weiß. Der Grund dafür ist simpel: Je mehr Routine, je mehr Gewohnheit, desto leichter fällt es unserem Gehirn, sozusagen den Autopiloten einzuschalten. Das spart Energie, macht die Rechenleistung unserer grauen Zellen für Wichtigeres frei - denn alles in unserem Körper ist darauf optimiert, jegliche Handlungen so effizient und sparsam wie möglich ablaufen zu lassen. Dank dieser Routine muss der geneigte Fußballfan beispielsweise nicht die ganze Zeit auf den Bildschirm schauen, sondern weiß ungefähr, wann sich eine spannende Situation ergibt, die seine volle Aufmerksamkeit benötigt.
 
Stellen wir uns jedoch die Leidenschaft für eine sportliche Disziplin einfach nur als eine Neigung vor, dann kann die Routine mit der Zeit auch ausufern. So, wie jemand seine Lieblingsspeise irgendwann nicht mehr leiden kann, sich vielleicht sogar vor ihr ekelt, weil er sie zu oft vorgesetzt bekam, verhält es sich auch mit dem Lieblingssport. Die Routine ist so groß, dass alles irgendwie vorhersagbar wird. Damit geht ein Großteil der Spannung verloren. Irgendwann schaltet man die Bundesliga nur noch aus Gewohnheit ein, ohne wirklich für den Sport zu brennen. Das heißt, zumindest ab und zu einen anderen Sport zu schauen, kann nicht nur dafür sorgen, dass die eigene Lieblingssportart länger attraktiv bleibt, sondern kann auch wie ein "Schrittmacher" fungieren, der die verlorengegangene Leidenschaft wieder entfacht.
 
2. Nie war die Vielfalt so groß und simpel zugänglich
Sport ist, zumindest aus Sicht derjenigen, die ihn im regulären TV übertragen, letztendlich nur eine Gewinn/Verlust-Rechnung: Bevor die Entscheidung gefällt wird, eine bestimmte Disziplin im Fernsehen zu zeigen, wird zunächst eruiert, wie viele Menschen überhaupt einschalten werden. Bereits das kann das direkte Aus für einen Sport bedeuten, bevor auch nur ein Wettkampf ausgestrahlt wurde.
 
Doch auch wenn eine Disziplin diese erste Hürde genommen hat, können die Fernsehmacher ihre Gunst auch ganz schnell wieder entziehen - dann, wenn sich zeigt, dass die Übertragung nicht dauerhaft so viele Zuschauer, und somit potenzielle Werbezielgruppen, in ihren Bann ziehen kann. Beides ist auch der Grund dafür, warum viele Sportarten nur bei den Öffentlich-Rechtlichen laufen - für das Privatfernsehen wären die zu erwartenden Zuschauerzahlen und Werbeeinahmen zu gering. Dementsprechend fokussieren sich viele Zuschauer auf Disziplinen, von denen sie mit Sicherheit annehmen können, dass sie nicht kurzfristig wieder aus dem Programm gestrichen werden; eine Art Selbstschutz also.
 
Bloß: wir leben längst nicht mehr in einer Zeit, in der das Privatfernsehen die einzige Möglichkeit wäre, sich eine andere Sportart anzuschauen. Wir leben viel mehr in Zeiten von reinen Internet-Sportsendern wie DAZN; von VPN-Programmen, dank denen es reichlich simpel geworden ist, trotz sogenanntem Geoblocking auf den Internetseiten ausländischer Fernsehsender Sportübertragungen zu genießen. Und wir leben in Zeiten, in denen jedes Sportteam seine Disziplin live und per Mediathek im Internet streamen kann.
 
Anders formuliert: Nie war es so einfach, sich alle möglichen Sportarten anzusehen, ohne Sorge haben zu müssen, dass ein Sender sie mangels ausreichender Zuschauerzahlen wieder aus dem Programm nimmt. Das kann, muss aber kein Geld für ein Abonnement kosten. Und es ist nicht nur der reine Sport. Ebenfalls dank des Internets ist das gesamte Drumherum ebenfalls global. Seien es Fanshops, seien es die Wettanbieter, die mittlerweile alle eine große Zahl von Disziplinen im Repertoire haben. Das gilt sogar für Sportarten, die in Deutschlands Free-TV bestenfalls in den Abendnachrichten kurze Erwähnung finden.
 
3. Die Leidenschaft des Neuen erleben
Warum gibt es Duftbäume und Cockpit-Sprays, die für sich in Anspruch nehmen, nach "neuem Auto" zu riechen? Es ist die Tatsache, dass der Mensch zwar seine Routinen liebt, aber noch mehr eine nimmermüde Entdeckernatur ist. Nur gibt es auch zu jedem Sport nur eine begrenzte Anzahl von Faktoren zu lernen, bis ein Fan von sich behaupten kann, die Disziplin im Schlaf zu kennen - und dazu ist es beileibe nicht nötig, das aktuelle DFB-Reglement mit seinen 164 Seiten auswendig zu lernen. Es genügt völlig, seit Jahr und Tag regelmäßig denselben Sport als normaler Zuschauer zu verfolgen. Auch dann ist es leicht möglich, schon anhand der Startaufstellung abzusehen, was das Spiel ungefähr bringen wird - oder bei einem bestimmten Spielerverhalten zu erkennen, ob es regelkonform war oder nicht.
 
Doch egal wie firm man in seiner Sportart ist: eine neue Sportart setzt all dies auf null. Das gilt sogar dann, wenn ihr Grundprinzip demjenigen des Lieblingssports ähnelt; beispielsweise der Vergleich zwischen Hand- und Fußball. Sich aktiv auf eine neue Sportart einzulassen bedeutet, wieder dieses magische Gefühl der Unwissenheit und des Neuen zu erleben, das mit steigender Routine unwiederbringlich verlorengeht. Man kann wieder lernen, jede Situation ist unbekannt und vielleicht gibt es noch nicht einmal ein einzelnes Team bzw. einen Sportler, mit dem man mitfiebert. Schöner und unverfälschter lässt sich Sport kaum erleben.
 
4. Eine Möglichkeit für mehr Partnerschaftlichkeit
Die Ehefrau, die das Wohnzimmer verlässt, wenn ihr Gatte an den Wochenenden nachmittags die Bundesliga anschaut. Dabei handelt es sich zwar um ein Klischee, wie es archetypischer nicht sein kann, es hat jedoch einen wahren Kern: Was zwei Liebende gerne schauen, muss nicht zwingend deckungsgleich sein. Auf der anderen Seite gibt es jedoch nach offiziellen Schätzungen gut und gerne 8000 verschiedene Sportarten auf dem Planeten. Zumindest ist dies die seriöseste Zahl, wie sie anno 2003 von der World Sports Encyclopedia veröffentlicht wurde. Von diesen 8000 Stück haben übrigens nur rund 200 grenzüberschreitende Verbreitung und sind sogar nur 56 (41 Sommer, 15 Winter) Stück olympisch.
 
Was eine derartige Vielfalt für die Paarbeziehung bedeuten kann, liegt auf der Hand: Es mag vielleicht tatsächlich so sein, dass die Ehefrau nicht gerne Fußball schaut, dass der Ehemann dem Tennis nicht viel abgewinnen kann. Aber angesichts der enormen Bandbreite ist es durchaus möglich, dass sich ein Sport finden lässt, dem beide etwas abgewinnen können - und der sich durch die im zweiten Grund erwähnte Globalisierung auch hierzulande zumindest über den Browser genießen lässt.
 
Neben dem erwähnten Reiz des Neuen kann dies auch noch einen weiteren Vorteil ins Feld führen: Gemeinsame Interessen sind einer der wichtigsten Triebmotoren für eine glückliche Paarbeziehung. Und wer zusammen auf der Couch Football schaut, bei Autorennen mitfiebert oder Biathleten zujubelt, kann mit Fug und Recht behaupten, etwas gemeinsam gemacht zu haben.
 
Zusammengefasst: Öfter mal was Neues lohnt sich auch in sportlicher Hinsicht
Nein, es gibt definitiv keinen Grund, warum jemand ohne Not seine bisherige Lieblingssportart fallen lassen sollte. Daraus im Umkehrschluss jedoch abzuleiten, dass jede andere Sportdisziplin zu uninteressant wäre, um ihr mehr als nur einen gelegentlichen Blick bei großen Wettkämpfen zu schenken, wäre ebenfalls nicht richtig. Denn sich auf einen neuen, einen weiteren Sport einzulassen, bedeutet nicht nur eine neue Herausforderung, persönliches Wachstum, Wissensvermehrung und ähnliche Vorteile. Es ist ein rundherum vorteilhaftes Verhalten, das sogar dabei helfen kann, aus der sportlichen Routine auszubrechen und diese gleichzeitig wieder mehr schätzen zu lernen.
 
Dabei winkt manchem sogar noch ein weiterer Vorteil, der gar nicht hoch genug bewertet werden kann: Vielleicht entflammt die Leidenschaft für einen neuen Sport so sehr, dass man darüber vom bisherigen reinen Fan zu einem aktiven Sporttreibenden wirkt - und auf diese Weise nicht nur seinem Körper viel Gutes tut, sondern vielleicht sogar einer bislang im fußballverrückten Deutschland eher randständigen Sportart zu mehr Geltung verhilft.

 


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