Ireen Nussbaum

Menschen erzählen ihre Geschichte: Angelika Johannsens Reise in die Heimat

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Merkendorf. „Oft erzählten uns unsere Eltern aus ihrer Heimat Schlesien“, so Angelika Johannsen. Nun ist es die Tochter, die eine Geschichte von den bereits verstorbenen Eltern erzählen möchte.
 
Es war die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als 1945 Schlesien östlich der Lausitzer Neiße unter polnische Verwaltung gestellt wurde und die Schlesier vor der anrückenden Roten Armee flüchteten. Auch Elisabeth Richter, die Mutter mit 20 Jahren, floh mit ihren Eltern und Geschwistern aus Groß Olbersdorf, Kreis Frankenstein. Vor dem Aufbruch gen Westen hatte die Familie in ihrer Scheune eine Kiste mit ihrem guten Geschirr vergraben. Niemand konnte sich vorstellen, dass die Flucht ein Abschied auf ewig von ihrem Heimatdorf sein würde.
 
„45 Jahre später wollten unsere Eltern endlich ihre Heimat besuchen. Die Orte, die stets einen Platz in ihren Herzen hatten. Von anderen Schlesiern, die vor unseren Eltern in die Heimat gefahren waren, wussten sie, dass ihre Elternhäuser bewohnt sind, von wem wussten sie jedoch nicht“, erzählte die Tochter.
 
Gemeinsam ist das Ehepaar mit einer Reisegesellschaft Richtung Polen gefahren. Ein Dolmetscher begleitete die beiden in das Dorf, in dem Elisabeth Richter aufgewachsen ist. Schließlich standen sie vor ihrem Elternhaus, das wie sie von der Zeit gezeichnet gewesen war. Sie klopften an die Tür. Der Dolmetscher stellte das Ehepaar aus Deutschland vor. Die Gäste wurden eingelassen und sehr gastfreundlich empfangen.
 
Im Laufe der gemeinsamen Zeit zeigte die fremde Frau an, dass man ihr auf den Dachboden folgen möge, wo sie eine Kiste vorholte und öffnete. Elisabeth traute kaum ihren Augen, als sie das gute Familiengeschirr erblickte. Sie war von der Wertschätzung der fremden Familie gleichzeitig gerührt und dankbar.
 
Einen weiteren Halt machte das Ehepaar auf dieser Reise in Herzogswalde, Kreis Habelschwert.
 
Hier ist Josef Spittel aufgewachsen. Er kam im Alter von 18 Jahren zur Wehrmacht. Bis zu diesem Zeitpunkt lebte er noch bei seinen Eltern, die eine junge, geheingeschränkte Polin namens Anastazja bei sich aufnahmen, während ihr Sohn im Krieg war. Bevor seine Eltern mit Kriegsende flohen, gab seine Mutter ihr ein Foto von Josef. Falls er zu seinem Elternhaus zurückkehre, solle sie ihm ausrichten, wo sie zu finden seien.
 
„Als unser Vater nach der Gefangenschaft in Frankreich seine Eltern in Ahnebeck, heute ein Ortsteil von Parsau, Landkreis Gifhorn, gefunden hatte, ist davon auszugehen, dass die Eltern ihm erzählt haben, dass sie bei dem polnischen Mädchen ein Bild von ihm hinterlassen haben. Die Mutter unseres Vaters ist bereits 1952 verstorben, der Vater 1956. Sie hatten nach der Flucht keinen Kontakt in ihre Heimat und konnten deshalb auch nicht wissen, ob Anastazja in ihrem Haus geblieben ist“, berichtete die gebürtige Braunschweigerin.
 
Schließlich stand Josef Spittel 1991 zusammen mit seiner Frau vor seinem Elternhaus. Geöffnet hatte ihnen eine geheingeschränkte Polin, die sich auf der Ferse umdrehte und ging, um etwas zu holen. Anastazja hatte Josef nach über vier Jahrzehnten erkannt und hielt sein Foto in den Händen. „Für unseren Vater war es eine Reise in die Vergangenheit. Im Haus hatte sich nichts verändert - alles stand und war so, wie er es 1944 zum letzten Mal gesehen hatte“, erklärte Angelika Johannsen.
 
Bewegt von den Geschichten ihrer Eltern, beschloss sie vor sechs Jahren eine Familienchronik zu erstellen. Seitdem recherchiert und schreibt sie emsig.
 
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