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„Musikalische Stolpersteine“: Gastrede von Prinz Philip Kiril von Preußen sorgt für Diskussion

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Neustadt. Anlässlich des diesjährigen Cap-Arcona-Gedenktages veranstaltete die Stadt Neustadt gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde in der ancora Marina ein Konzert mit dem Jüdischen Kammerorchester Hamburg, das jüdische Komponisten zu Gehör bringt, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen.
 
Die rund 160 Zuhörer erlebten unter dem Thema „Musikalische Stolpersteine“ ein facettenreiches und interessantes Programm, das von „großer Spielfreude, Ernsthaftigkeit, Intensität und Klangsensibilität“ geprägt war, so unter anderem die Meinung von Zuhörerin Maren Rühle.
 
Dem Konzert vorausgegangen war die Gastrede von Prinz Philip Kiril von Preußen, die vom Publikum sehr unterschiedlich aufgenommen wurde, deren genauer Wortlaut dem reporter jedoch nicht vorliegt.
 
Bis Redaktionsschluss erreichten die reporter-Redaktion diverse Leserbriefe, in denen Konzertbesucher die Worte des Ururenkels des letzten deutschen Kaisers unter anderem als „unerträglich“ und „unsäglich“ bezeichneten. „Wir sind empört darüber, dass das wunderbare Konzert des jüdischen Kammerorchesters durch die Einladung dieses Gastredners zu einer Bühne für die Propagierung rechtsnational-völkischen, christlich-fundamentalistischen Gedankenguts wurde“, heißt es unter anderem in einem Protestbrief, den 17 Konzertbesucher an Propst Süssenbach, Bürgermeister Mirko Spieckermann und den reporter geschickt haben und in dem Aufklärung darüber verlangt wird, wie es zur Einladung dieses Redners habe kommen können.
 
Konzertbesucher Eberhard Jänsch-Sauerland schreibt in seinem Leserbrief unter anderem: „Er stellte irritierende Verbindungen her zwischen linksradikaler Gewalt anlässlich des G20 Gipfels und Positionen gegen Abtreibung. Aggressionen und schon bei Kindern anzutreffenden Egoismus nannte er als eine Ursache für das Entstehen des Nationalsozialismus sowie seiner Folgen. Antisemitismus sei überwiegend bei Muslimen anzutreffen. Die Gefahr von Gewalt würde doch überwiegend von politisch „linker Seite“ ausgehen“.
Auch Maren Rühle schrieb an den reporter und beklagte: „Eine Einführung in die Besonderheiten dieses Konzertes hätte der Veranstaltung gut zu Gesicht gestanden. Stattdessen hielt der eingeladene Prinz Philip Kiril von Preußen eine Rede, die Elemente evangelikaler Verkündigung mit unausgegorenen politischen Statements verband und Antisemitismus in seiner Entstehung und heutigen Ausprägung sehr verkürzend und verfälschend darstellte“.
Konzertbesucher Lars Petersen spricht in seinem Leserbrief von einer unerträglichen Rede zum Holocaust-Gedenken und berichtet, dass nahezu alle in der Halle diese Rede in dieser Form zurückgewiesen hätten. Er lobt: „Neustadt ist und bleibt tolerant und lässt sich nicht vor irgendwelche Karren spannen! Danke, ihr Neustädterinnen und Neustädter!“
 
Konfrontiert mit der Kritik an seiner Ansprache betonte Pädagoge und Theologe Prinz Philip Kiril von Preußen gegenüber dem reporter: „Bekanntlich wurde ich eingeladen, weil Andreas Brunions Anliegen als Initiator dieses wunderbaren Anlasses dergestalt war, dass er nicht nur ein kulturelles Erlebnis, ein schönes Konzert schaffen, sondern auch ein politisches Signal setzen lassen wollte: eine uneingeschränkte Solidarität mit Israel, ein klares Bekenntnis gegen jede Art von Antisemitimus, auch wenn er in Form von Antizionismus daherkommt; dass ein Beklagen des Holocaust verbunden mit einer deutlichen Verurteilung des Nationalsozialismus alter und neuer Couleur damit einhergeht, war für mich ohnehin selbstverständlich“. Zu den Vorwürfen seiner Kritiker sagte er: „Dass ich mir von zwei vor Empörung und Intoleranz fast bebenden Zuhörern anhören musste, ich hätte meine Gastrede „missbraucht“, hätte „rechtsextremen Antisemitismus verharmlost“ und gegen Muslime „gehetzt“, und dass ich für meine von Herzen proisraelische Haltung und meine klare Haltung zum Schutze des Lebens, die am Rande Erwähnung in der Rede fand, scharf verurteilt werde, das geht überhaupt nicht“, so Prinz Philip von Preußen.
 
Konzert-Initiator Andreas Brunion, der den Gastredner ausgewählt und eingeladen hatte, berichtete, dass die Stimmung „gruselig“ gewesen sei und die Kritik an Prinz von Preußen jeglicher Grundlage entbehre. „Wahrheiten, die unbequem sind, muss man auch mal aushalten können und nicht gleich in einer Unart herummaulen“, echauffierte sich der Neustädter Kantor und Kirchenmusiker.
 
Bürgermeister Mirko Spieckermann fand versöhnliche Worte: „Seine philosophischen Ausführungen zu Gewalt und Bezüge zu radikalen politischen Positionierungen und Tagesbezügen der Außenpolitik blieben mitunter als Auflistung und Denkanstoß für sich stehen – der Redezeit geschuldet, wie der Vortragende betonte – daher eher einfach gehalten, somit angreifbar und sie blieben letztlich der persönlichen Interpretation überlassen. Die von ihm gewählte Redestruktur ließ offensichtlich zu viele Interpretationen zu, sodass die Reduzierung auf einige Kernaussagen, die anschließend von verschiedenen Aspekten beleuchtet worden wären, in seinem Vortrag hilfreicher gewesen wäre. Eine anschließende Diskussionsrunde im Plenum hätte zur Klärung von Fragen dienen können. Aufgrund des im Vordergrund stehenden Konzertes des Kammerorchesters konnte diesem aus Zeitgründen nicht entsprochen werden“, so der Verwaltungschef.
 
Nach Einschätzung eines weiteren Konzertbesuchers, Prof. Georg Heerten, hätte die Rede des Prinzen besser in ein Politikseminar gepasst und inhaltlich mehr auf das Konzertereignis Bezug nehmen können. Prinz Philip von Preußen habe in seiner Rede deutlich gemacht, dass er vor dem Hintergrund von millionenfachem Tod für heutige Nazi-Auftritte mit entsprechender Kleidung, Symbolen und Flaggen keinerlei Verständnis und Toleranz habe. Er forderte, sich diesen „rechten“ Anfängen zu erwehren, verurteilte aber auch „linke“ Gewalt am Beispiel der G20-Ausschreitungen in Hamburg 2017: „Er appellierte als Christ an die Führung durch unseren Gott und die Liebe zu und unter den Menschen. Es war eine Rede, die jegliche Gewalt verurteilt“, so Prof. Heerten gegenüber der reporter-Redaktion.
 
ancora Marina-Geschäftsführer Oliver Seiter äußerte sich gegenüber dem reporter wie folgt: „Die ancora Marina hat für das erste Stolperstein–Konzert in Neustadt gerne die Gastfläche in unserer Mulitfunkitonshalle 1 bereitgestellt. Die einleitende Rede von Prinz Philip von Preußen war für mich deutlich polarisierend – in gleichem Maße allerdings auch nach-denkens-wert im reinsten Sinne des gesprochenen Wortes. Nicht alle Elemente der Rede – unter anderem der Exkurs zu dem kontroversen Denker der Aufklärung, Jean Jacques Rousseau, sind für mich persönlich übernehmbar; doch einen ideologisch angreifbaren Inhalt habe ich nicht feststellen können“.
 
Der eigentliche Hauptteil sei ein exzellentes Konzert virtuoser jüdischer Kammerorchestermitglieder aus Hamburg gewesen, die ein Mahnmal zur gesellschaftlichen Aufmerksamkeit an all diejenigen Menschen gesetzt hätten, die von den Nationalsozialisten zu Nummern degradiert und ermordet wurden. Diesem wichtigen Ziel habe der Abend als musikalische Erinnerung vorzüglich und würdevoll zugleich gedient, so Oliver Seiter weiter. (gm)


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